Update: Ich habe den Text am 01. Februar 2019 noch einmal aktualisiert, weil mir ein paar – aus meiner Sicht – wichtige Ergänzungen eingefallen sind. Mein Gehirn war gestern Abend nach der Arbeit schon zu angematscht, um die noch im Text unterzubringen *zwinker*.

Uh, ich bin mit meinem monatlichen Post mal wieder knapp dran *schwitz*, aber heute wird es keinen Beitrag zu einem konkreten Manga geben, sondern ich möchte etwas loswerden, was mir schon länger auf dem Herzen brennt, wie man so schön sagt. Eine abgedroschene Phrase, aber dieses Mal passt sie. Es geht um das Thema Liebe und Freundschaft in japanischen Shōnen Ai-Werken (sowohl Anime als auch Manga). Warum ich gerade jetzt damit ankomme? Nun, ich habe vor einigen Wochen (wie vielleicht auch andere unter euch) den Anime Banana Fish angesehen und die Serie hat mich tief berührt und aufgewühlt, wie es bisher noch keine andere geschafft hat. Und natürlich, das muss ich, denke ich, nicht weiter betonen, liegt das an den beiden Hauptfiguren Ash und Eiji. Wobei, das stimmt nicht ganz. Es liegt vielmehr an der besonderen Beziehung, die die beiden Jungen im Laufe des Anime zueinander entwickeln. Aber dazu später mehr. Auf jeden Fall – eigentlich neige ich nicht dazu – war ich nach der letzten Episode in Tränen aufgelöst und hatte schlimmen Herzschmerz.

Diejenigen unter euch, die mit einigen Shōnen Ai-Werken vertraut sind, zum Beispiel dem Manga / der Light Novel NO.6, die wissen, dass japanische Mangaka teilweise eine sehr nervenaufreibende Angewohnheit haben beziehungsweise sich in ihren Werken ein erstaunliches Phänomen äußert: Die beiden gleichgeschlechtlichen Protagonisten führen eine Beziehung, die über reine Freundschaft weit hinaus reicht, sich aber weder als ‚klassische Romanze‘ noch als tatsächliche homosexuelle Liebesbeziehung kategorisieren lässt. Mit begriffen wie „Seelenverwandtschaft“ oder „Bromance“ wird versucht, diese tiefe Seelenverbindung in Worte zu fassen, die auf der einen Seite weniger, auf der anderen Seite aber auch schon wieder mehr als Liebe zu sein scheint. Die Leser bleiben oft verwirrt zurück, weil die Autoren dieser Werke keinerlei Versuch unternehmen, dieses Gefühlswirrwar aufzulösen. Und so kann es passieren, dass auch ich oft irritiert bin, wenn die Geschichte mit einem leidenschaftlichen Kuss endet, aber weder davor noch danach von den beiden Figuren jemals das Wort „Liebe“ in den Mund genommen wird. Natürlich muss man Liebe nicht verbal artikulieren, um sie als solche erkennen zu können, aber unser (oder mein) Einordnungsproblem reicht weitaus tiefer und berührt mehr als die bloße Aussparung eines Wortes.

Womit wir vielmehr ein Problem haben, ist die Tatsache, dass wir für diese Werke etwas glauben wollen, was wir alleine anhand dieser nie mit völliger Endlichkeit validieren können. Obwohl einer der beiden Protagonisten in der Regel keine Zurückhaltung übt und sein Handeln in vielen Situationen deutlich erkennen lässt, dass seine Gefühle für den Freund den Bereich reiner Freundschaft verlassen haben, bleibt das Gegenstück unserer Hauptfigur oft sehr passiv. Er lässt zärtliche Gesten und Worte zu, aber niemals gibt es eine eindeutige Reaktion auf diese. Letztendlich spielen Shōnen Ai-Werke also zunächst einmal mit den Lesererwartungen und nutzen den Umstand, dass den Rezipienten ihre ’sozialen Schubladen‘ entzogen werden, in die wir normalerweise zwischenmenschliche Beziehungen einordnen. Shōnen Ai-Manga sind Meisterwerke, wenn es darum geht, die Gefühle und Empfindungen einer Figur in einem einzigen Bild oder Satz einzufangen und auszudrücken, ohne dabei etwas wirklich Konkretes oder Eindeutiges zu sagen.

Um einmal bei meinem Eingangs gewählten Beispiel zu bleiben: NO.6 drückt auf der sprachlichen und bildlichen Ebene durchaus deutlich aus, dass Nezumi für Shion ein besonderer Mensch ist und seinem Herzen näher steht als jeder andere.

Zwischen Nezumi und Shion entwickeln sich tiefe Gefühle, dargestellt in intensiven Zeichnungen.

Es fällt uns jedoch schwer, der Beziehung eine eindeutige Kategorie zuzuweisen, da uns die Vagheit der körperlichen Interaktion verwirrt. Die beiden Küsse, die Nezumi und Shion austauschen, werden mit so vielen sprachlichen und visuellen Zeichen überladen und verzerrt, dass der Leser nicht mehr eindeutig entscheiden kann, ob damit romantische Gefühle ausgedrückt werden sollen oder etwas anderes. Shions Kuss steht zum Beispiel im Kontext des Abschieds, den er plant, und Nezumi folgt am Ende des Mangas diesem Beispiel. Der Kuss drückt hier daher nicht körperliche Zuneigung oder Liebe aus, wie wir diese Geste in klassischer Weise verstehen, sondern eher den Wunsch, der verspürten seelischen Verbundenheit Ausdruck zu verleihen. Vielleicht wählt Shion aus einem spontanen Impuls den Kuss als probates Mittel, weil er damit in einer einzigen Geste Gefühle ausdrücken kann, die seine Wertschätzung gegenüber Nezumi in der stärksten Weise vermitteln, die uns Menschen symbolisch möglich ist. Der Kontext, in den Shōnen Ai-Manga solche Intimitäten setzen, muss daher nicht zwingend der einer Liebesbeziehung sein. Keine Freunde, aber auch keine Liebenden. Oder vielleicht sollten wir besser sagen: mehr als Freunde und etwas anderes als ‚konventionelle‘ Liebende. Was ist diese geheimnisvolle dritte Komponente?

Wenn ich einen existierenden Begriff wählen müsste, der diese Beziehungen am treffendsten beschreibt, dann würde auch ich auf den der Seelenverwandschaft zurückgreifen. Die Protagonisten dieser Werke sind oftmals völlig unterschiedliche Charaktere mit ganz gegensätzlichen Überzeugungen, aber trotzdem gibt es in ihrem Inneren einen unveränderlichen Kern oder wahlweise eine seelische Grundessenz, die zwischen den beiden Hauptfiguren eine intensive Wertschätzung und ein Gefühl tiefer (freundschaftlicher?) Liebe hervorruft, welches z.B. auch Ashs und Eijis Herzen untrennbar zusammenschweißt. Diese Verbindung, kommt sie einmal zustande, währt ein Leben lang und ist bedingungslos. Um hier endlich einmal konkret auf Banana Fish zu sprechen zu kommen: Ash, dessen gesamtes Leben von Gewalt und Misshandlung geprägt war, kennt weder Vertrauen noch Selbstlosigkeit. Er ist daran gewöhnt jedem Menschen zu misstrauen und für jeden ihm getanen Gefallen eine schmerzhafte Gegenleistung oder Abgeltung zu erwarten. Bei seinem Kampf um Selbstbestimmung kennt er selbst keine Rücksicht. Auf der anderen Seite ist er aber nicht nur hochintelligent, sondern auch extrem sensibel. Die Qualen, die ihm seine Taten manchmal bereiten, verbirgt er hinter seiner gegenüber allen anderen Menschen hervortretenden Überlegenheit, vielleicht gar nicht einmal willentlich oder bewusst. Ash ist auf den ersten Blick ein Übermensch, den scheinbar nichts verletzen oder gar einschränken kann. Es zeigt sich jedoch nach und nach, dass Ash, tief in ihm verborgen, ein gezeichnetes Opfer von Gewalt und Missbrauch ist. Eiji hingegen ist ein unschuldiger und naiver Junge, der zwar viel Traurigkeit, aber auch große Zärtlichkeit und Fürsorge in seinem Wesen vereint. Er ist ein selbstloser Mensch, der sein eigenes Wohlbefinden und die eigenen Vorteile denen von Menschen unterordnen kann, die ihm nahe stehen. Als diese beiden Jungen aufeinander treffen, finden zwei Seelenessenzen zusammen, die aneinander aufblühen. Eiji ist mit seiner emphatischen Begabung der einzige, der Ashs Schmerz nicht nur spüren kann, sondern den eigentlich sensiblen und verletzten Menschen hinter dem Monster sieht, das seine Umwelt aus ihm gemacht hat und das er in der Vorstellung derselben immer sein wird. Eiji erkennt Ashs Wunsch nach Normalität und Glück und diesen zerbrechlichen Kern liebt er bedingungslos. Immer wieder erinnert er Ash in Momenten tiefster Verzweifelung daran, dass in ihm viele gute Eigenschaften existieren und sein Dasein zumindest für Eiji einen unschätzbaren Wert besitzt. Eiji ist es, der immer zur Stelle ist, wenn Ash an weiteren Traumata zu zerbrechen droht, und Eiji ist es, der ihm dann Trost spendet, durch fürsorgliche Gesten oder seine bloße Existenz.

Eijis ist der einzige Mensch, dem Ash Zugang zu seinen Gefühlen gewährt.

Diese an keinerlei Bedingungen oder Gegenleistungen geknüpfte Loyalität und offene Zärtlichkeit und Besorgnis berühren Ash nach und nach immer tiefer und schließlich erreicht er einen Punkt, an dem er sich dem Freund gegenüber vollkommen öffnen kann und ihm bedingungsloses Vertrauen entgegenbringt. Nur in Eijis Nähe kann Ash ganz er selbst sein, weshalb der Leser / Zuschauer, wann immer die beiden unter sich sind, Seiten an Ash erlebt, die ihn endlich einmal wie den 17-jährigen Jungen wirken lassen, der er ist. Im Gegenzug legt Ash Eiji gegenüber eine Freundlichkeit und Zuneigung an den Tag, die nur für diesen einen speziellen Freund reserviert ist und von der selbst seine engsten Vertrauten maximal kleine Bruchteile erhaschen.

Unbeschwerte Momente zwischen Ash und Eiji im Manga.

Achtung: Ab diesem Punkt kommt es zu kleineren und größeren Banana Fish-Spoilern!

Unter guten Freunden füreinander da zu sein ist an und für sich jedoch noch kein Merkmal, welches die Vermutung aufkeimen lässt, dass in der Beziehung ebenso romantische Gefühle im Spiel sind. Denn beste Freunde sind Ash und Eiji allemal, das braucht man, denke ich, nicht weiter zu erläutern. In Banana Fish verdichten sich jedoch mit jeder Folge die Hinweise darauf, dass zwischen Ash und Eiji etwas heranwächst, das sich nicht mehr als reine Freundschaft kategorisieren lässt, sondern Züge einer zarten Romanze annimmt, und das ist das unfassbare und beinahe schmerzhafte Verlangen nach der körperlichen Gegenwart des Anderen. Voneinander getrennt zu sein, bereitet beiden Jungen seelische Qualen und dieses Sehnen ist es, was wir von frisch verliebten Pärchen kennen.

Eiji hat schmerzhafte Sehnsucht nach Ash.

Die tiefe Zuneigung, die Ash und Eiji füreinander empfinden, geht so weit, dass beide Figuren damit beginnen das Glück und die Sicherheit des Freundes über das eigene Wohl zu stellen. Vor allem Ashs Liebe – und ich denke, in diesem Kontext kann man nun von Liebe sprechen, denn wenn nicht hier, an welcher Stelle sonst auf dieser Welt? – wächst sich zu einem Ungetüm aus Emotionen und Ängsten aus, die den Kern seines Selbsterhaltungstriebs infiltrieren und ihn sich selbst für Eiji aufgeben lassen. Um bei Eiji sein zu können und ihn an seiner Seite zu halten, nimmt Ash den eigenen Tod und zeitweilig sogar die Tatsache in Kauf, dass der Freund durch sein Verlangen und seine Selbstsucht verletzt werden könnte. Es gab Szenen im Anime, bei denen ich einfach nicht mehr in Worte fassen konnte, wie unfassbar tief Ashs Zuneigung zu Eiji ist. Dem Wunsch, das Glück und die Liebe, welche Ash durch den Freund zum ersten Mal in seinem Leben erfährt, weiter spüren zu können, ordnet Ash fortan sein gesamtes Dasein unter und dasselbe tut Eiji, wenn vielleicht in weniger exzentrischen Zügen. Die Liebe der beiden Jungen zueinander hat daher nicht nur selbstlose Züge, sondern auch sehr besitzergreifende, egoistische und selbstzerstörerische. Es ist eine Liebe, die bis zum Extremum getrieben wird, eine, die alles andere auf der Welt in ihrem Schatten bedeutungslos erscheinen lässt, zumindest aus der Perspektive von Ash und Eiji. Es sind übrigens ähnliche Charakteristika, die die Beziehung zwischen Shion und Nezumi zeitweilig kennzeichnen. In kurzen Momenten gibt Shion sich selbst auf, um Nezumi zu retten, und wirft dabei im Austausch gegen dessen Leben so viele seiner humanistischen Werte über Bord, dass sich die Frage nach der Standhaftigkeit seiner moralischen Grundsätzen nicht mehr beantworten lässt. Auch diese Liebe ist so allumfassend und durchdringend, dass Shion der Sicherheit seines Freundes den Wert anderer Menschenleben unterordnet.

Für Nezumi ist der sanfte Shion bereit, andere Menschen zu töten.

Shōnen Ai-Manga und -Anime zeigen dem Leser / Zuschauer eine Liebe, wie sie sich die meisten Menschen wünschen und nach der viele – vielleicht sogar fast alle – ihr ganzes Leben lang vergeblich suchen. Die Vorstellung, dass es auf der Welt diese eine Person gibt, die einen auf allen Ebenen des eigenen Daseins kennen und verstehen kann, macht den eigentlichen Zauber dieser Werke aus. Wenn ihr mich nach meiner persönlichen Meinung fragt, dann kann ich euch die Frage, ob ich selbst an die Existenz einer solchen Verbindung zweier Seelen glaube, nicht eindeutig beantworten. Sicherlich ist es der hoffnungslos romantische Teil meiner Persönlichkeit, der sich gerne zu einem leisen und geflüsterten „Ja“ hinreißen lassen möchte. Denn ohne Zweifel ist die Liebe, die uns Manga und Anime wie Banana Fish und NO.6 zeigen – neben dem romantischen Grundgedanken, der ihr innewohnt – eine sehr idealisierte und erhöhte Form tiefer seelischer Zuneigung, die einen wesentlichen Aspekt der Begriffsdefinition von ‚konventioneller‘ Liebe auf allen Ebenen ausklammert, nämlich den der Sexualität. Abgesehen von den beiden erwähnten, eher zweideutigen und flüchtigen Küssen in NO.6 und einem nicht ganz ernst zu nehmenden Zungenkuss in Banana Fish wird die Beziehung der Figuren als vollkommen asexuell dargestellt. Das entspricht in hetero- und homosexuellen Beziehungen nicht der Realität, denn wir können uns nicht gegen die Hormone wehren, die da in unseren Körpern brodeln. Die Asexualität vieler Shōnen Ai-Werke ist der Hauptgrund, weshalb ich mich dagegen sträube, zum Beispiel dem Verhältnis zwischen Ash und Eiji sowie Shion und Nezumi den Stempel einer konventionelle Liebesbeziehung aufzudrücken. Sicherlich ist die fehlende sexuelle Komponente der Hauptgrund, warum es uns oftmals so schwer fällt, aus den Gefühlswirren in Shōnen Ai-Werken schlau zu werden. Natürlich muss man bedenken, dass besonders Ashs Biographie, der sich bereits als kleiner Junge prostituieren musste, auf allen Ebenen dafür spricht, diesen Blickwinkel auf die Beziehung der beiden Jungen auszusparen. Um sich auf die Heilung von Ashs Trauma zu konzentrieren, dafür lassen die actionlastige Handlung des Manga und Anime keinen Raum.

Ich denke jedoch auch nicht, dass dies im Zentrum des Werkes steht. Vielmehr geht es darum, wie Liebe einen Menschen retten, aber gleichzeitig auch zerstören kann. Diese morbide Schönheit, die beiden extremsten Facetten von Liebe, fängt vor allem der Banana Fish-Anime in wundervollen und auch sehr schmerzhaften Bildern ein. Ashs Rettung ist gleichzeitig sein Untergang, der unausweichlich festgeschrieben zu stehen scheint, sobald sich seine Gefühle mit denen von Eiji verbinden. Ashs größtes Glück wird zu seinem schlimmsten Feind und am Ende bin ich mit dem sehr deprimierenden Gedanken zurück geblieben, dass Liebe eben nicht jeden Schmerz und jedes Hindernis überwinden kann. Vielleicht findet sich gerade im Ende von Banana Fish ein starker Bezug zu der Debatte über Homosexualität in den 80er Jahren, einer Zeit, in der es das Genre BL noch nicht gab und sich gerade die ersten zarten
Shōnen Ai-Manga zu etablieren begannen. Mit der letzten Folge des Anime und dem letzten Band des Manga fühlt sich der Leser / Zuschauer unangenehm auf den Boden der Tatsachen zurückversetzt und muss erkennen, dass die Beziehung zwischen Ash und Eiji eventuell gerade wegen ihrer verschleierten homosexuellen Komponente zu ihrem Entstehungszeitpunkt keinen Bestand haben durfte. Vor diesem Hintergrund kann man die Banana Fish-Reihe vielleicht als Kind ihrer Zeit betrachten. Es gibt gerade im englischsprachigen Raum Thesen und relativ eindeutige Hinweise darauf, dass die Autorin des Manga, Akimi Yoshida, mit ihrem Werk besonders visuell Bezüge zu den homosexuellen Strömungen und Filmwerken der 1980er Jahre herstellt. So findet man zum Beispiel entsprechendes Bildmaterial, welches – finde ich – recht eindrücklich veranschaulicht, dass gerade die Darstellung von Ash und Eiji nicht komplett dem Zufall überlassen wurde. Man kann daher durchaus so weit gehen zu behaupten, dass Akimi Yoshida sich während der Entstehung von Banana Fish sicherlich auch bewusst mit dem Thema Homosexualität auseinandergesetzt hat.

Das obige Bild zeigt ein Promofoto zu dem queeren Filmdrama My Own Private Idaho – ich habe den Film leider bisher noch nicht gesehen.

Ich fürchte, am Ende meines Beitrags muss ich die Eingangs gestellte Frage offen lassen und meinen Versuch für gescheitert erklären, einen passenden Begriff für eine Form der Liebe zu finden, die tief in die Identität der Liebenden hineinreicht und dabei auf eine Art an den innersten Kern des Mensch-seins rührt, die sie beinahe weltentrückt wirken lässt. Diese Liebe wurzelt so intensiv in den Seelen und Herzen der Figuren und ist von einer solchen Reinheit und Kraft, dass sie sogar die Grenzen des Geschlechts und – in Teilen – der eigenen Sexualität zu sprengen und zu überwinden scheint. Denn das tut sie: Eiji und Ash, Shion und Nezumi und all die anderen vom Schicksal zusammengeführten Charaktere in Shōnen Ai-Werken sind teilweise seltsam transzendente Figuren, die sich in ihren Beziehungen zueinander jenseits der offensichtlichen oder alltäglichen Grenzen der Kategorien männlich und weiblich zu bewegen scheinen. Besonders Ash und Nezumi sind in dieser Hinsicht faszinierende Charaktere, denn der Leser / Zuschauer erfährt nichts über ihre tatsächliche sexuelle Orientierung. Vielmehr spielen die Mangaka mit Geschlechterstereotypen und verleihen ihren Figuren sowohl männliche als auch weibliche Züge. Während Nezumi als queerer Schauspieler auf einer kleinen Bühne arbeitet, wird Ash eine äußerliche Schönheit und Stärke nachgesagt, die sowohl Männer als auch Frauen in seinen Bann zieht. Hieraus erklären Anime und Manga die Besessenheit von Papa Dino, ’seinen‘ Ash wieder in seinen Besitz zu bringen. Shion und Eiji sind von Natur aus eher bodenständige Typen und deutlicher in dem Feld verortet, welches wir gerne als maskulin abstecken, aber beide werden zu Beginn von der Ausstrahlung ihrer späteren Seelenverbündeten angezogen und vergessen in diesem Prozess schlichtweg die Existenz des weiblichen Geschlechts beziehungsweise fühlen sich Nezumi und Ash so zugetan, dass das Geschlecht für sie im Angesicht dieser alles überwältigenden Liebe keine Rolle mehr spielt. Es zählt alleine die seelische Verbindung zwischen den Protagonisten, in deren Rahmen sich ihre Herzen zu einem unauflösbaren Netz verweben, welches in Banana Fish sogar über den Tod hinaus Bestand hat. Eine Liebe ohne sexuelles Begehren ist hierbei die Idealform und reduziert das mächtigste aller menschlichen Gefühle auf den ihm innewohnenden Grundgedanken: Selbstlosigkeit, Bedingungslosigkeit, Unendlichkeit. Diese Worte haben einen beinahe sakralen Klang und weisen wohl in eine Richtung, die die Kirche gerne als höchste und reinste Form der Liebe propagiert.

Es ist vor allem dieser Zug, den ich an Shōnen Ai-Werken so schätze: Die Darstellung einer Liebe, die sich von allen sozialen Fesseln und aller Vernunft und Rationalität (und, zugegeben, auch aller Realität) freispricht und in ihrer reinsten Form existieren kann. Ohne zu fragen, ohne zu urteilen, ohne abzulehnen. So viele Werke (auch BL-Manga) stellen die Kategorisierung von Liebe als hetero-, homo- und bisexuell in Frage und stellen die These auf, dass Liebe manchmal unabhängig vom Geschlecht und einer sexuellen Besetzung des Begriffs sein kann, einfach, weil zwei Menschen sich lieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und ich selbst füge an dieser Stelle hinzu: Liebe kann nicht nur unabhängig von geschlechtlicher und sexueller Konnotation sein – sie sollte es sogar! Die vielen schmerzlichen Abschiede und tragischen Tode in diesem Genre resultieren vielleicht aus dem Umstand, dass eine solche Liebe letztendlich jedoch zu bedingungslos ist und an der harten Realität des Lebens und den sozialen Bewertungsstandards der Gesellschaft scheitern muss. Shōnen Ai-Werke bewegen sich in genau diesem Spannungsverhältnis zwischen statischen gesellschaftlichen Normen auf der einen Seite und der Vorstellung davon, was Liebe im Kern eigentlich ist und ausmacht, wenn sie nicht in wertende Kontexte eingebunden wird, auf der anderen Seite. Diese Spannung muss in Banana Fish mit Ashs Tod und in NO.6 mit Nezumis Abschied aufgelöst werden, denn eine Liebe zwischen zwei Jungen, die früher oder später sicherlich eine sexuelle Ebene erreichen würde (ihr wisst ja, die Hormone), wurde zum damaligen Zeitpunkt noch nicht toleriert (uns wird auch heute noch nicht vollkommen anerkannt). Vielleicht kann man Shōnen Ai-Werken daher eine gewisse Konflikt-Vermeidungs-Haltung vorwerfen, indem sie sich letztendlich der sexuellen Belastung des Begriffs unterwerfen.

Trotzdem bin ich vor allem den Schöpfern von Banana Fish dankbar, denn sie haben mein Herz mit der Geschichte von Ash und Eiji tiefer berührt, als ich es für möglich gehalten hätte. Es gibt nur wenige Werke, in denen man emotional so aufgehen kann, an denen man sich aber gleichzeitig auch emotional so aufreibt und die einen in den Grundfesten seiner Überzeugungen erschüttern. Ich habe selten einen Menschen so gehasst wie Papa Dino, der Ashs Liebe zu Eiji ausschließlich dazu benutzt, ihn in Ketten zu legen. Papa Dino und besonders Yut-Lung verkörpern in Anime und Manga vielleicht genau diese personifizierten gesellschaftlichen Normen, die das Ende von Ashs und Eijis Beziehung forcieren, weil sie die Reinheit einer solchen Liebe nicht wertschätzen können beziehungsweise dies nie gelernt haben. Genau diese Art von Kunst ist es, die wir benötigen, damit sie uns wachrüttelt und darauf aufmerksam macht, wie wir in unserer Gesellschaft mit Liebenden umgehen, die sich nicht in unseren sozial fixierten Horizont einfügen. Ich kann übrigens jedem von euch nur ans Herz legen, einmal Garden of Light zu lesen, ein Epilog zu Banana Fish, der dem Ende des 19. Bandes nachgestellt ist. Wir wussten um Ashs Aufopferung für Eiji, aber wie tief eben dieser auch Ash geliebt hat und wie die anderen Mitglieder der Street-Gang diese Liebe erlebt haben, wird eigentlich erst hier wirklich deutlich. Das Kapitel zeigt einen auch Jahre nach Ashs Tod noch gebrochenen Eiji, der nicht einmal dazu in der Lage ist, alte Fotos von diesem zu betrachten. Die starke Verbindung, die zwischen den beiden Jungen existierte, hat den Tod überwunden und rückt die Liebe in einen – sofern überhaupt möglich – noch einmal universelleren Kontext, der ins Zentrum die (sehr traurige) Unendlichkeit stellt.

Letztendlich trifft wohl Shion mit der Beschreibung seiner Gefühle am ehesten den Kerngedanken, der die Liebe in Shōnen Ai-Werken charakterisiert: „Es ist einfach Liebe“, befreit von allen Wertungen, Konnotationen und Verunglimpfungen, die der Begriff in unserem alltäglichen Sprachgebrauch erfährt. Sie ist nicht sexuell behaftet oder sozial markiert, sondern schlicht und einfach ein Gefühl tiefer Verbundenheit und Zärtlichkeit zwischen zwei Menschen, die im und durch den Anderen die Vervollständigung ihrer eigenen Unvollständigkeit erfahren.

Liebe in ihrer reinsten Form.

Jaa mata ne, eure Amaya!


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