Titel: Trau dich

Originaltitel: Sorenari ni shinken nandesu

Genre: Boys‘ Love, Slice of Life, Drama

Zeichnungen / Story: Kai Asou

Bände: 2 / abgeschlossen

Verlag: Kazé Manga

Erscheinungsjahr des 1. Bands: 2014

Erotische Szenen: ❤

Bildergebnis für Trau dich kai asou
Die Leseprobe von Kazé findet ihr hier. Dort könnt ihr die Reihe auch direkt bestellen.

Mein Leben steht aktuell mal wieder etwas Kopf, was der Grund dafür ist, dass die Oktoberrezension diesen Monat erst ‚auf den letzten Drücker‘ erscheint – ich bin in den letzten Wochen einfach nicht zum Schreiben gekommen. Ich hasse solche Monate, in denen mir überhaupt keine Zeit für meinen Blog bleibt und es mich wirkliche, echte Willenskraft kostet, rechtzeitig einen Beitrag zu schaffen. Aber da ich vor ein paar Tagen 30 geworden und damit erfolgreich in die erste Lebenskrise gestartet bin, habe ich heute einen freien Tag und will wenigstens versuchen, mich über einen neuen Rezension etwas zu entspannen. Dieser Monat wird außerdem der erste sein, in dem ich mich an dem bereits angekündigten kürzeren Format versuchen werde, um vielleicht in Zukunft wieder mehr als einen Beitrag pro Monat zu schaffen. Ihr könnt mir gerne einen Kommentar dazu dalassen, wie euch die Kurzrezension gefallen hat. Aktuell ist es nämlich so, dass ich an einem Blogpost etwa vier Tage schreibe, und da ist die Lesezeit für den entsprechenden Manga noch gar nicht mit einkalkuliert. Es kommt häufig zu Situationen, in denen ich das zeitlich eigentlich kaum bewältigen kann, weshalb ich die Textlänge soweit reduzieren möchte, dass ich eine Rezension auch einmal an einem Nachmittag oder Abend fertigstellen kann – und wie ich ja bereits im letzten Beitrag geschrieben habe: Die ausgewalzten Epen zum Artwork des jeweiligen Manga werden die meisten von euch beim Lesen sicher eh überspringen. Deshalb lege ich jetzt einfach mal mit neuer Frische los! Die Monatsübersicht für den November werde ich dann voraussichtlich im Laufe der kommenden Woche hier einstellen. Um die November-BLs zusammenzukratzen, benötige ich noch ein paar Tage.

Inhalt

Der Arbeitsalltag eines durchschnittlichen japanischen Angestellten ist aus europäischer Perspektive sowieso schon die Hölle auf Erden, aber wenn man dann noch alleinerziehender Vater einen kleinen Tochter ist und in der Gastronomie arbeitet, brennt die Hütte richtig, wie man so schön sagt. Osawa, frisch geschieden und Vater der kleinen Chizu, gibt zwar alles, um gleichzeitig seiner Tochter und seinem Job gerecht zu werden, aber als Chizu krank wird und die Kita das kleine Mädchen nicht betreuen kann, ist Osawa ratlos. Er hat keine Bekannten und Chizus Mutter kümmert sich wenig um die gemeinsame Tochter, weshalb der junge Vater kurz vorm Verzweifeln steht: Wie soll er arbeiten gehen und sich gleichzeitig um die kranke Chizu kümmern? Als Retter in der Not erweist sich unerwartet Yoshioka, der berühmt-berüchtigte Stammgast des Lokals, in dem Osawa arbeitet.

Yoshioka macht vor Osawa und dessen Kollegen keinen Hehl aus seiner Homosexualität und bringt in regelmäßigen Abständen sowohl seine Exfreunde als auch ständig wechselnde Liebhaber mit in das Restaurant. Osawas Bild von Yoshioka ist nicht das beste, aber in seiner ausweglosen Lage stimmt er Yoshiokas Vorschlag zu, so lange gemeinsam mit diesem in seiner großen Wohnung nahe dem Lokal zu wohnen, bis Chizu wieder gesund ist. Fortan pendelt Osawa zwischen Restaurant und Yoshiokas Wohnung hin und her und schafft es so tatsächlich, zu arbeiten und gleichzeitig nach seiner kranken Tochter zu sehen, nicht zuletzt auch dank der Hilfe von Yoshioka, der sich ebenfalls rührend um die kleine Chizu kümmert. Überhaupt, Yoshioka! Zu Osawas Überraschung legt dieser nach und nach echte Ehemannqualitäten an den Tag und Osawa beginnt, den gutaussehenden Playboy in einem ganz anderen Licht zu sehen. Da schaut er auch gerne über die Tatsache hinweg, dass Yoshioka ihm mit ganz eindeutigen Avancen begegnet und sogar vorschlägt, dass Osawa und Chizu für immer bei ihm einziehen könnten.

Das gefundene Glück in der neuen Zwangs-WG währt jedoch nicht lange, denn Chizus Mutter erscheint unerwartet auf der Bildfläche und macht gegenüber Osawa deutlich, dass sie Chizu in Zukunft gemeinsam mit ihrem neuen Freund und dessen Sohn erziehen möchte, was für Osawa bedeutet, dass er Chizu und dem Zusammenleben mit Yoshioka Lebewohl sagen muss. Yoshioka, der nicht nachvollziehen kann, weshalb Osawa den Kampf um seine Tochter einfach aufgibt, geht im Streit mit diesem auseinander, doch nachdem Chizu davonläuft und eine fieberhafte Suche beginnt, kommen sich die beiden Männer wieder näher und Osawa erkennt zu seinem eigenen Erstaunen, dass Yoshiokas Gegenwart ihm ein Gefühl von Sicherheit gibt und immer stärkeres Herzklopfen bereitet. Nach Chizus Rückkehr muss Osawa eine Reihe von Entscheidungen treffen: Was fühlt er gegenüber Yoshioka? Ist er wirklich bereit, Chizu seiner Exfrau zu überlassen? Wie soll sein Leben zukünftig aussehen und was ist er bereit, dafür in die Waagschale zu werfen?

Artwork

Ich mag den Zeichenstil von Kai Asou sehr. Allerdings gehört sie zu den Mangaka, deren Talent man nicht an den Titelcovern festzumachen versuchen sollte. Die Gesichter der Figuren wirken dort immer etwas langgezogen und der Stil der Autorin scheint, als könne sie sich nicht recht entscheiden, ob sie nun klassische Mangafiguren mit großen Augen und am Kindchenschema orientierten Gesichtszügen abbilden will oder maskuline Figuren, die erwachsener und reifer erscheinen. Vor allem Osawa wirkt auf den Covern sehr viel femininer, als er visuell im Manga auftritt. Zudem gefällt mir der leichte Gelbstich nicht, den die Titelmotive und anfänglichen Farbseiten aufweisen.

Dieser Eindruck kehrt sich jedoch ins Gegenteil, sobald man den ersten Band aufschlägt und auf die ersten gezeichneten Seiten stößt. Das Artwork ist tendenziell eher skizzenhaft gehalten und die Mangaka führt mit feiner Linienführung durch Panele, die aufgeräumt wirken und in denen Hintergründe auf das Notwendigste reduziert sind. Der Fokus des Lesers wird so auf die feinen Gesichtszüge, ausdrucksstarken Augen und sinnlich-breiten Lippen der Figuren gelenkt, deren Betrachtung vor allem Freude bereitet, weil im gesamten Manga unnötige und oft unruhig wirkende Schwarz-Weiß-Kontraste vermieden werden und lediglich der sparsame Einsatz von etwas Rasterfolie und schwarzer Kolorierung visuelle Akzente setzt. So lenkt nichts von den ansonsten ‚pur‘ belassenen Zeichnungen ab, die auf mich eine große Ruhe ausstrahlen und gerade in den Szenen, in denen die Figuren zärtliche Gesten austauschen, dazu einladen, die Augen der feinen Strichführung (und den Händen und Lippen) folgen zu lassen, die hervorragend die zarte und zuweilen auch emotionale Grundstimmung des Manga unterstreicht. Ebenso lässt der skizzenhafte Zeichenstil die Figuren beinahe etwas zerbrechlich wirken, ohne dabei an Dynamik, Kraft und Reife einzubüßen, was sich im Charakterdesign und der Thematik des Manga wiederspiegelt. Das Artwork von Trau dich trifft damit genau meinen Geschmack: Eine feine Strichführung, kaum graphische Elemente und ein skizzenhafter Stil, der den Manga sehr ästhetisch und dezent wirken lässt, dem Leser aber gleichzeitig erwachsene Figuren präsentiert, die von der Mangaka in ausgereiften Zeichnungen und mit großer Souveränität eingefangen werden. Lediglich die Proportionen von Gliedmaßen und Torso zueinander wirken hin und wieder etwas unausgewogen oder langgezogen, aber das ist eine Kleinigkeit, die nur hin und wieder in Abhängigkeit von der jeweiligen Perspektive auftritt.   

Erotische Szenen

Optisch bekomme ich Osawa und Yoshioka nicht ganz zu fassen bzw. die beiden lassen sich nicht so richtig in ein Schema einordnen. Beide Figuren sind sehr hübsche Männer und vor allem Yoshioka verfügt über durchaus maskuline Züge, mit denen Osawa im Kontrast eher dezent ausgestattet ist, aber so richtig kann ich mich nicht entscheiden, ob ich die beiden nun eher als feminin oder maskulin bezeichnen würde – und eindeutig androgyn sind sie ebenfalls nicht. Aber vielleicht reflektiert sich in diesem Umstand bereits der Anspruch der Mangaka, frei von Kategorisierungen zu arbeiten, eine Gegebenheit, die mich an der zweibändigen Reihe absolut begeistert hat. In der Inhaltsangabe klang vielleicht das eine oder andere Klischee an, aber bei genauerer Betrachtung sind Osawa und Yoshioka zwei sehr individuelle Figuren, in deren charakterliche Ausarbeitung sicherlich viel Zeit investiert wurde, weshalb ich über zwei Aspekte, die sich in BL-Manga gerne und häufig reproduzieren, ohne Probleme hinwegsehen konnte: Über den Umstand, dass Yoshioka – ganze Seme-like – mal wieder größer ist als der Uke und darüber, dass er mit dem ein oder anderen Schwulenstereotyp ausgestattet wurde, genauer gesagt – seine amouröse Vergangenheit ist definitiv eine der wilderen Sorte. In der Regel nervt mich dieses Vorurteil, dass homosexuelle Männer nicht treu sein können und besonders in BL-Manga wird das gerne und häufig aufgegriffen, aber in Trau dich riskiert die Mangaka einen Blick hinter die Fassade von Yoshioka und deckt die biographischen Hintergründe auf der sensible und einfühlsame Art und Weise auf, weshalb ich in diesem Fall gut damit umgehen konnte.

In erotischer Hinsicht herrscht im ersten Band absolute Flaute, weshalb ihr, wenn ihr eher zu den ungeduldigen Lesern gehört, mit dieser Reihe nicht optimal bedient seid. Ich persönlich finde jedoch, dass der Manga, eben weil er zwar ein unheimlich angenehmes Gattungsexemplar ist, dabei aber sehr unaufgeregt und still daherkommt und sich viel Zeit für die Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Figuren nimmt, nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient hätte. Eine schlüssige Handlung, die sich mit einem gesellschaftlich relevanten Thema beschäftigt, durchdacht angelegt Figuren, ein endlich einmal wirklich reizendes Kind, wohldosierte Erotik und so gut wie keine Stereotypen – eigentlich ist das doch genau der Stoff, nach dem eine Fujoshi lechzt. Im Grund haben wir in Trau dich zwar genau wieder die übliche Ausgangssituation – ein vermeintlich heterosexueller Mann verliebt sich nach ausdauerndem Drängen des schwulen Freundes Hals über Kopf in diesen und stellt fest, dass er wohl doch nicht so hetero ist wie ursprünglich angenommen – aber der Manga löst dieses Szenario auf eine durchaus plausible Art und Weise auf, ohne sich auf sexuelle Kategorisierung der Beziehung zwischen Osawa und Yoshioka zu versteifen, weshalb ich die Geschichte auch in dieser Hinsicht als sehr angenehm empfunden habe. Die Liebe zwischen den beiden Männern wird als etwas sehr Natürliches und – ja, Wertvolles dargestellt, was mich besonders gegen Ende des zweiten Bandes enorm berührt hat.

Im zweiten Band kommen wir dann auch endlich in den Genuss von zwei Sexszenen, die für meinen Geschmack – vor allem in Anbetracht ihrer ästhetischen Erotik – leider viel zu kurz geraten sind. Nach lediglich jeweils drei Seiten mit nur wenigen Panels ist das Schönste bereits wieder vorbei, was mich zugegeben nicht vollends glücklich gemacht hat, aber andererseits ist jede Seite, die einem solchen Manga für die Entwicklung der Handlung zur Verfügung steht, Gold wert, weshalb ich an diesem nur vermeintlichen ‚Mangel‘ keine Kritik üben kann. Denn so kurz die Sexszenen auch geraten sind – ich bin ein großer Fan davon, mit wie viel Gefühl, Bedacht und vor allem Authentizität diese umgesetzt wurden: Hier wird nicht wild gevögelt (entschuldigt die obszöne Wortwahl), sondern wirklich Liebe gemacht (entschuldigt die altbackene Wortwohl) und diesen Vorgang (meine Wortwahl ist heute nicht so ganz von dieser Welt) darf der Leser hautnah begleiten, was bedeutet, dass wir ganz viele zärtliche Küsse und einige ziemlich erotische Berührungen geboten bekommen, und das alles, ohne, dass die Szenen auch nur annähernd obszön oder pornographisch wirken. Was mich besonders gefreut hat, sind die Ehrlichkeit und Rücksichtnahme, die Osawa und Yoshioka einander beim Sex entgegenbringen. Wo in anderen BL-Manga beim Seme ja gerne mal alle Hemmungen fallen und die Gehirnzellen in einer Hormonwolke verpuffen, denkt Yoshioka stets daran, sich nach Osawas Wohlbefinden zu erkunden – nicht peinlich, sondern ziemlich süß! Was vielleicht auch daran liegen mag, dass Osawa kein Problem damit hat, vor dem Sex zuzugeben, dass er in Angesicht seines ersten Mals mit einem Mann ziemliches Muffensausen hat. Ganz ehrlich, Osawa und Yoshioka zusammen im Bett, da steigt der Blutzuckerspiegel schon ziemlich explosionsartig an – zumindest bei mir. Was ich im Übrigen auch als sehr angenehm empfunden habe: Die beiden Figuren schmeißen nicht mit „Fick mich!“ oder „Gibs mir!“ um sich, sondern artikulieren sehr viel alltäglichere Dinge, die sicherlich eher der Realität entsprechen, z.B. ganz einfach, dass sie jetzt Lust aufeinander haben. Bei so viel Rücksichtnahme und Respekt in einem BL-Manga musste ich mich nach der Lektüre noch einmal vergewissern, ob ich jetzt wirklich das Werk einer japanischen BL-Mangaka in der Hand hatte. Auf jeden Fall hat der Sex nicht nur Osawa, sondern auch mir ein deutliches und begeistertes „Krass!“ entlockt.

Figuren und Handlung

Schon die erotischen Szenen haben es mir angetan, aber die Bedachtheit, mit der die Figuren in Trau dich gestaltet sind und mit der über den Alltag eines alleinerziehenden Vaters erzählt wird, hat mich ebenso begeistert, zumal der Manga es schafft, dies alles mit einem Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse in Japan zu verbinden. Wir erleben einen Osawa, der bis zur vollkommenen Erschöpfung arbeitet und gleichzeitig noch versucht, für seine kleine Tochter Chizu da zu sein. Trotz eines Alltags, der so vollgestopft mit Verpflichtungen ist, dass Osawa ihn eigentlich kaum noch alleine bewältigen kann, lehnt er die Hilfe von anderen ab. In Japan gehört es zum guten Ton, sein Leben zum einen ganz in den Dienst des Arbeitgebers zu stellen, unbezahlte Überstunden zu leisten und bis spät in die Nacht zu arbeiten, und zum anderen wird es als ein Mangel an persönlicher Distanz angesehen, andere Menschen mit persönlichen Problemen zu belasten oder diese um Hilfe zu bitten. Das ist auch der Grund dafür, dass viele Frauen in Japan nicht mehr berufstätig sind, wenn sie ein Kind bekommen haben: Nur so ist es überhaupt möglich, ein funktionierendes Familienleben aufrecht zu erhalten. Die alleinige Verantwortung für das gemeinsame Kind, die schwer auf den Frauen lastet, vor allem dann, wenn sie vielleicht noch jung sind, hat in Trau dich zur Scheidung von Osawa und seiner Frau geführt, die sich von ihrem Mann alleine gelassen fühlte.

Aus dieser ungünstigen Konstellation aus Beruf und fehlendem Ehepartner resultiert Osawas Konflikt und darauf baut sich die grundlegende Problematik des Manga auf, die man nur dann verstehen kann, wenn man die sozialen Hintergründe kennt, die der Geschichte zu Grunde liegen. Osawa arbeitet lieber bis zu völligen Erschöpfung, als seine Kollegen oder Bekannten mit seinen persönlichen Sorgen und Problemen zu belasten. Er fühlt sich nur dann als guter Vater und in gewisser Weise wertvoll, wenn er das Leben mit seiner Tochter alleine und ohne Unterstützung durch andere bewältigen kann. Um Hilfe zu bitten, gilt für ihn als ein Zeichen persönlicher Schwäche, vielleicht auch deshalb, weil er in seiner gescheiterten Ehe nie wirkliche Partnerschaft und Unterstützung erfahren hat. Seine Frau hat sich, offensichtlich aus Überforderung, aus allem rausgehalten und auch Chizu nach der Scheidung nicht bei sich behalten wollen. Der Manga zeichnet ein auf den ersten Blick sehr negatives Bild von Osawas Exfrau Kana, aber wer einmal eine Internetrecherche dazu unternimmt, welche Rollenbilder Ehefrauen in Japan erfüllen müssen, der wird die Figur vielleicht in einem anderen Licht betrachten. Die Details würden an dieser Stelle aber zu weit führen.

Yoshioka, der dem Leser zunächst als sorgenloser und unbedachter Casanova erscheint, bricht in Osawas vollgestopften Alltag, der ihm eigentlich noch nicht einmal Zeit zum Nachdenken und zur Selbstreflektion lässt, ein und zwingt ihn durch seine Fürsorge, die beinahe wie eine Naturgewalt über Osawa hereinbricht, seine Situation mit anderen Augen zu betrachten. Der junge Vater beginnt zu erkennen und zu verstehen, was eine funktionierende Partnerschaft bzw. zunächst ein funktionierendes Zusammenleben ausmacht und wie viel Sicherheit und Rückhalt für beide Partner daraus resultieren. Im Gegensatz zu Osawa hat Yoshioka, der in einem Heim groß geworden ist, diesen starken Gegensatz aus Einsamkeit und Gemeinschaft bereits erlebt und weiß darum, wie sehr bedingungslose Unterstützung und die Gegenwart von helfenden Händen das Leben vereinfachen und bereichern können. Das Yoshioka Osawa darüber hinaus als potenziellen Partner attraktiv findet, ist erst einmal nur ein Nebenaspekt, den Yoshioka zwar stets betont, der aber vielleicht vor allem über den Umstand hinwegtäuschen soll, dass er in seiner großen Wohnung, die er bis vor nicht allzu langer Zeit mit Freunden aus dem Heim bewohnt hat, einsam ist und sich nach menschlicher Nähe und Leben in den vielen leeren Zimmern sehnt. In gewisser Weise begegnen sich die beiden Figuren also in einer Lebenssituation, in der sich nach einigem Hin und Her eine Art Schicksalsgemeinschaft zwischen den beiden Männer entwickelt.

Was mir an Trau dich besonders gefällt, ist, dass Osawa nicht bei Yoshioka einzieht und sofort – ganz BL-typisch – mit diesem im Bett landet, um anschließend in rasender Geschwindigkeit zu der Feststellung zu gelangen, dass er trotz Heterosexualität schwer in diesen verknallt ist. Der Manga geht, vielleicht zur Verwunderung des eingefleischten BL-Lesers, den umgekehrten Weg und nimmt sich viel Zeit dazu, Osawas Gefühle zu entwickeln. Hier kommt das Verlieben vor dem Sex – und nicht andersherum. Es ist ein Segen, dass der Mangaka für diese tolle Geschichte zwei Bände zugestanden wurden. Tatsächlich offenbart der Manga nach und nach, dass Osawa wohl erst mit Yoshioka die erste richtig große Liebe erlebt, denn viele Dinge, die in einer gesunden Ehe eigentlich selbstverständlich sein sollten – gegenseitige Unterstützung, Offenheit gegenüber dem Partner und dass man über Probleme spricht und diese gemeinsam bewältigt – verwundern Osawa, als er sie bei Yoshioka findet. Die Ehe mit seiner Frau Kana scheint zumindest keine Liebesheirat gewesen zu sein. Zudem gelingt es dem Manga, eine sehr empathische Perspektive auf die Scheidung einzunehmen, die Chizus Empfinden mit einschließt. In der Regel bin ich immer eher genervt, wenn in BL-Manga Kinderfiguren integriert werden, den oft handelt es sich dabei um nervige Bratzen, aber Chizu ist wirklich zauberhaft und ihre Figur macht deutlich, wie vor allem Kinder unter der Scheidung der Eltern leiden und welche Herausforderung es für sie ist, sich in eine neue Familiensituation einzufügen. Wobei „leiden“ vielleicht nicht der passende Ausdruck ist. Natürlich wird ersichtlich, dass Chizu zuweilen eine Mutterfigur vermisst und die häufige Abwesenheit ihres Vaters ihr viel abverlangt, aber diese Einschränkungen scheint das Mädchen tapfer hinzunehmen, denn ihren Vater liebt sie sehr und zeigt zu keinem Zeitpunkt der Handlung, dass sie konkret Sehnsucht nach Osawas Exfrau Kana hätte. In dieser Hinsicht wirkt Chizu vielleicht für ihr Alter schon zu erwachsen und reif. Vielmehr sind es mütterliche Gesten, die sie vermisst und die für andere Mädchen in ihrem Alter vollkommen normal sind, wie beispielsweise mit bunten Spangen zu Zöpfen frisierte Haare. Diese Lücke füllt jedoch sehr schnell Yoshioka aus, denn Chizu ohne Zögern als neuen Elternteil akzeptiert. Das Feingefühl, das Yoshioka gegenüber Chizu an den Tag legt, verblüfft Osawa und trägt einen Teil dazu bei, dass sich das Bild von seinem neuen Mitbewohner grundlegend verändert. Hinter der Fassade des umtriebigen Playboys verbirgt sich ein reifer, fürsorglicher, liebevoller und etwas einsamer Mann, der sich – auch aufgrund der eigenen Vergangenheit – nach einer eigenen Familie und einer stabilen Partnerschaft sehnt. Yoshiokas offensichtliches Glück darüber, dass er dies alles in Osawa und seiner Tochter zu finden scheint, war ein Aspekt dieses Manga, der mich sehr berührt hat.

Über die bisher angeführten Punkt hinaus gefällt mir an Trau dich jedoch vor allem, wie natürlich die Beziehung zwischen Yoshioka und Osawa dargestellt wird. Es gibt keine festgefahrenen Rollenbilder, denn beide Männer kümmern sich gleichberechtigt um Chizu und den Haushalt, und obwohl Osawa tendenziell eher mit weiblichen Zügen ausgestattet zu sein scheint, sind der gegenseitige Respekt und die Rücksichtnahme, die den Umgang von Yoshioka und Osawa miteinander auszeichnen, für einen BL-Manga wirklich bemerkenswert. Die beiden Männer begegnen sich in ihrer Partnerschaft auf Augenhöhe und vor allem Yoshiokas Figur und seine aufrichtige Liebe zu Osawa ist es, in deren Schatten die Beziehung zwischen Kana und ihrem neuen Freund – die heterosexuelle Variante und damit vermeintlich ‚normalere‘ Form einer Familie – irgendwie künstlich und erzwungen wirkt. Die Familiengefüge, die im Rahmen der Reihe aufgelöst und neu zusammengefügt werden, sind ein Befreiungsschlag für homosexuelle Partnerschaften, denn vor allem Anderen zeigt der Manga eines: aufrichtige Gefühle, die Bereitschaft, Problemen gemeinsam entgegenzutreten und gegenseitiger bedingungsloser Rückhalt bilden Aspekte, die unabhängig vom Geschlecht der Partner eine gesunde Beziehung definieren und ein für Kinder gesünderes Umfeld zum Heranwachsen schaffen, als es eine Familie könnte, die formhalber ‚normal‘ konstituiert ist, innerhalb derer jedoch aufrichtige Liebe und echte Fürsorge angezweifelt werden müssen. Und so sind es am Ende die Schwierigkeiten, die Yoshioka und Osawa als schwules Paar auf ganz natürliche Art und Weise gemeinsam meistern, die Trau dich in meinen Augen zu einem ganz besonderen BL-Werk machen, zumal der Manga auch dezente Kritik am japanischen Gesellschaftssystem und der dort klassischen Konstellation der Ehe übt.

Fazit

Trau dich ist ein einfühlsamer BL-Manga, der in leisen, aber dennoch eindrücklichen Tönen und feinen Zeichnungen von den Schwierigkeiten, denen alleinerziehende Elternteile begegnen und der Kraft der Liebe erzählt. Die Mangaka vereint sympathische und durchdacht angelegte Figuren, in die der Leser sich ohne Probleme hineinfühlen kann, zu einer stimmigen Geschichte, deren Grundgerüst zwar auf einigen klassischen BL-Motiven ruht, die inhaltlich jedoch Klischees gekonnt vermeidet und das Bild einer unkonventionellen Familienkonstellation zeichnet, die trotz – oder gerade wegen – der tiefen Liebe zweier männlicher Partner zueinander vollkommen normal und natürlich erscheint. Der Manga räumt den Figuren für ein BL-Werk erstaunlich viel Raum zur Entwicklung ihrer Gefühle ein und besticht durch eine Seme-Uke-Beziehung, die frei von jeglichen Stereotypen ist und als große Ausnahme des Genres ein homosexuelles Paar abbildet, dass sich in gegenseitiger Rücksichtnahme und mit viel Zärtlichkeit auf Augenhöhe begegnet – nicht nur in den hinreißend authentischen Sexszenen. Die gelungen umgesetzte Kinderfigur, einige kritische Fingerzeige in Richtung der japanischen Arbeitskultur und die empathische Perspektive auf Themen wie Scheidung und Kindererziehung machen die Reihe zur idealen Lektüre für alle Leser, die auf der Suche nach einem sehr realistischen und ruhigen Slice of Life-Werk sind, das den Fokus nicht auf die erotischen Szenen legt, sondern den Aufbau einer stabilen Beziehung in den Mittelpunkt stellt, ohne den Umstand, dass es sich dabei um eine homosexuelle Partnerschaft handelt, unnatürlich zu betonen. Trau dich zeigt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Schwule Paare unterscheiden sich in Hinblick auf die inhaltlichen Aspekte einer Beziehung in keinerlei Hinsicht von ‚normalen‘ Pärchen.

Jaa mata ne, eure Amaya

(die nicht so richtig weiß, ob dieser Beitrag jetzt wirklich wesentlich kürzer war als die, die sie bisher geschrieben hat…)


2 Kommentare

Juliet · 6. November 2019 um 19:00

Hey 🙂

Sehr schöne Rezension (wie immer halt^^). Dieser Manga steht schon länger auf meiner Wunschliste, aber nun bin ich mir sicher, dass dieser meinen Geschmack treffen wird. Ich meine, so gerne ich „klassische“ BL-Mangas mag – hin und wieder möchte ich dann auch mal mit einer etwas authentischeren, weniger stereotypen Handlung und Charakteren überrascht werden.

Übrigens kam mir diese Rezension nicht unbedingt kürzer vor als deine anderen^^ Dies ist aber keine Kritik, sondern nur mein subjektives Empfinden. Aber mach einfach so wie du magst: ich bin sowohl mit langen, als auch mit kürzeren Reviews einverstanden; Hauptsache, du fühlst dich mit deinen Entscheidungen wohl 🙂

Liebe Grüße
Juliet

P.S.: Falls es dich ein wenig beruhigt: Auch ich habe seit einigen Monaten eine Lebenskrise aufgrund meines Alters. Sie begann pünktlich zu meinem 29. Geburtstag (weil es ja das letzte Jahr mit einer „zwei“ vorne ist). Mittlerweile hab ich die Krise zwar so gut wie überwunden, aber dennoch ist es kein schönes Gefühl, sich darüber bewusst zu werden, wie „alt“ man tatsächlich schon ist und den bisherigen Lebensweg in Frage zu stellen. Hoffentlich geht es dir diesbezüglich bald besser, und falls nicht (und du dich mit jemandem austauschen willst, der gerade im selben Boot sitzt) – weißt du ja, wie du mich erreichst 🙂

    Amaya · 11. November 2019 um 9:46

    Hey Juliet,

    nachdem ich fertig war, dachte ich mir auch, dass die Rezension nicht wirklich kürzer geworden ist – obwohl ich mir einbilde, dass ich zumindest zum Artwork weniger geschrieben habe als üblich 😂. Ich kann halt irgendwie (noch) nicht aus meiner Haut. Wenn mir ein Manga gefällt, brechen beim Schreiben alle Dämme. Aber ich arbeite dran!

    Und auf dein Angebot komme ich bestimmt zurück, wenn ich in den nächsten Wochen wieder die Zeit dazu finde 😉.

    Liebe Grüße
    Amaya

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