TitelTen Count / 10 Count

Genre: Boys‘ Love, Drama, Romance, Psychology

Zeichnungen / Story: Rihito Takarai

Bände: 6 / abgeschlossen

Verlag: TOKYOPOP

Erscheinungsjahr des 1. Bands: 2016

Erotische Szenen: ❤❤

Hier findet ihr die Leseprobe, die TOKYOPOP zur Verfügung gestellt hat.

So, nun ist es endlich so weit! Ich habe es geschafft, mir wie versprochen Ten Count von Rihito Takarai vorzunehmen, eine Manga-Reihe, die wohl als der BL-Hit der letzten Jahre bezeichnet werden kann. Wie ihr ja bereits wisst und hier noch einmal nachlesen könnt, bin auch ich mit Ten Count auf Gedeih und Verderb dem BL-Genre verfallen. Da es auf dem Blog schon einen gesonderten Beitrag gegeben hat, der den Manga einbezieht, spare ich mir ausnahmsweise mein übliches Vorgeblubber und komme gleich zur Sache (eine Aussage, die man als BL-Fan irgendwie schon wieder doppeldeutig auslegen könnte *räusper*…).

Inhalt

Tadaomi Shirotani arbeitet als Sekretär in einer großen Firma und genießt das Vertrauen seines Vorgesetzten. Eigentlich könnte der junge Mann ein ruhiges und zufriedenes Leben führen, doch es gibt eine Sache, die ihm seinen Alltag über alle Maßen erschwert: Shirotani leidet unter Mysophobie, einer psychisch bedingten Zwangsstörung. Er fürchtet sich unverhältnismäßig vor einer Ansteckung mit Bakterien und Viren und versucht jeglichen Kontakt mit vermeintlichen Krankheitserregern zu vermeiden. Über die Jahre hat diese Furcht dazu geführt, dass Shirotani einen Händewasch- und Putzzwang entwickelt hat. Er verlässt das Haus niemals ohne Handschuhe und reinigt seinen Körper, seine Kleidung und seine gesamte Umgebung mehrmals täglich mit Seife und Desinfektionsmittel. Körperlichen Kontakt mit anderen Menschen und ‚verunreinigten‘ Objekten versucht er weitestgehend zu vermeiden. Dementsprechend führt der junge Sekretär ein sehr isoliertes Leben. Sein Chef weiß um seine Erkrankung und behandelt ihn rücksichtsvoll, aber augenscheinlich ist er neben dem Vater und einem Arbeitskollegen der einzige Mensch, der über die Zwangsstörung Bescheid weiß. Das tatsächliche Ausmaß von Shirotanis psychischer Erkrankung scheint jedoch niemandem bewusst zu sein.

Als Shirotanis Vorgesetzter eines Tages in einen Unfall verwickelt wird und der junge Mann ihm aus Ekel nicht helfen kann, ist es ein Fremder, der eingreift und der Shirotanis Leben verändern wird: der Psychologe Riku Kurose. Er erkennt schnell, unter welcher Krankheit Shirotani leidet und bittet den Sekretär darum, sich in der Praxis, in der er arbeitet, behandeln zu lassen. Mit der Hoffnung auf Heilung wagt Shirotani den Schritt und vertraut sich und sein psychisches Leiden nach einigem Zögern Kurose an. Dieser schlägt als Behandlungsmethode die Exposition mit Reaktionsverhinderung vor: Shirotani muss eine aufsteigende Liste mit zehn Punkten (daher der Name des Manga) erstellen, die ihn ekeln oder vor denen er sich fürchtet. Diesen Ängsten soll er sich im Beisein von Kurose systematisch aussetzen, um sie hierdurch zu überwinden und seine Zwangsstörung unter Kontrolle zu bekommen. Es zeigt sich schnell, dass sich zwischen dem jungen Sekretär und dem Psychologen eine besondere Bindung entwickelt. Nur in Gegenwart von Kurose ist es Shirotani möglich, sich langsam seiner Zwangsstörung zu stellen. Als sich Kurose nach den ersten Erfolgen plötzlich und unerwartet von Shirotani abwendet, stürzt das diesen in eine schwere psychische Krise. Er geht nicht mehr zur Arbeit und erst auf die Bitte eines besorgten Kollegen hin gelingt es Kurose, sich erneut mit dem Sekretär in Verbindung zu setzten und sich endlich auch seinen eigenen Gefühlen zu stellen. Kurose hat sich längst in Shirotani verliebt und muss nun die psychischen Barrieren seines Patienten überwinden, um ihm nicht nur emotional, sondern auch körperlich nahe sein zu können.

Zwischen den beiden jungen Männern entwickelt sich eine faszinierende sadomasochistische Beziehung, die Shirotani sehr ambivalent erlebt und die ihn an die Grenze dessen treibt, was er aufgrund seiner Erkrankung psychisch ertragen kann. Im Verlauf der bisher erschienenen fünf Bände gelingt es Kurose nach und nach Fortschritte in der Behandlung von Shirotani zu erzielen, wenngleich die beiden mittlerweile natürlich weitaus mehr sind als Patient und Therapeut. Der Durchbruch gelingt Kurose, nachdem er zum Ursprung von Shirotanis psychischer Störung vorgedrungen ist. Die Mysophobie lässt sich auf ein Kindheitstrauma zurückführen, das in dem jungen Mann bis heute nachwirkt. Überraschend scheint hingegen auch Kurose mit einem Erlebnis aus seiner Kindheit zu kämpfen. Es wird sich von jetzt an zeigen, ob die Gefühle der beiden jungen Männer füreinander stark genug sind, um vor allem Shirotanis psychische Blockaden zu überwinden. Denn dieser ist von dem Meer an Gefühlen, das plötzlich über ihn hinwegrollt, vollkommen überfordert und weiß nicht, wie er sich Kurose gegenüber verhalten oder mit dem ihm völlig fremden körperlich Verlangen nach diesem umgehen soll.

Artwork / Gestaltung

Zugegeben, die Inhaltsangabe war ausnahmsweise etwas länger, aber aufgrund der doch komplexeren Thematik schadet dies sicherlich nicht. Und ich ergötze mich auch immer ein wenig daran, wenn ich endlich mal wieder einen BL-Manga mit einer richtigen Handlung und einer grundlegend ernsten Thematik in die Finger bekomme! Aber trotzdem will ich an dieser Stelle zur Beschreibung des Artwork übergehen. Ich mag Rihito Takarais Manga unter anderem aus zwei Gründen unheimlich gerne: Ihre Werke sind, was die zeichnerische Ausgestaltung anbelangt, unheimlich realistisch und übersichtlich umgesetzt. Dazu kommen noch das einfühlsame Charakterdesign der Figuren und die schmeichelnde Weichheit ihrer Zeichnungen, die ich an Manga so liebe. Eigentlich sind es damit sogar vier Gründe, die für diese Mangaka und vor allem für Ten Count sprechen. Und wir wollen an dieser Stelle natürlich die vielen und ausgiebigen erotischen Szenen nicht unter den Tisch fallen lassen *zwinker*. Aber denen werde ich – wie immer – einen eigenen Abschnitt widmen. Daher zurück zum Thema dieses Absatzes: In Ten Count beschränkt sich die Mangaka auf wenige Panele pro Seite, meistens fünf in der Zahl. Der Manga wirkt visuell so ruhig und überschaubar, weil die einzelnen Szenen immer von den klaren Linien der Panele gerahmt werden, das heißt, im Gegensatz zu anderen Manga gibt es keine Zeichnungen, die über ein Panel herausragen beziehungsweise dieses verlassen. Lediglich die Form der Panele wird variiert, um diese gegebenenfalls an einen Bildausschnitt anpassen zu können. Aufgrund dieser Methode konnten die Dialog- und Gedankenblasen sowie die Gedankenbeigaben ebenfalls sehr strukturiert eingefügt werden, weshalb es dem Leser leicht fällt, nicht nur den Zeichnungen, sondern auch den Dialogen zu folgen. Ich mag es außerdem, wie in manchen Szenen die Figuren in Szene gesetzt werden, indem auf einen Hintergrund verzichtet und dieser stattdessen lediglich durch eine strukturierte Rasterfolie ersetzt oder komplett weiß gelassen wird. Das Augenmerk wird in solchen Situationen extrem auf Shirotani und Kurose gelenkt, die man hierdurch besonders ausgiebig betrachtet. Nichts lenkt hier von den beiden Protagonisten ab. Derjenige, der diesen Manga redaktionell umgesetzt hat, hat in punkto Gestaltung auf jeden Fall ein kleines Meisterstück vollbracht.

Was mir außerdem sehr gefällt, sind die Perspektiven, die die Zeichnungen wiederspiegeln. Es ist irgendwie eine sehr neutrale Perspektive, die von der Mangaka und damit dem Leser eingenommen wird, denn häufig werden die beiden Figuren in Außenperspektive gezeigt, das heißt, sowohl Shirotani als auch Kurose sind im Panel zu sehen und man hat das Gefühl, den beiden heimlich aus sicherer Entfernung zuzusehen. Natürlich gibt es auch ausreichend Nahaufnahmen. Die Art der Betrachtung kann jedoch auch plötzlich wechseln und auf einmal scheint man einer der beiden Figuren über die Schulter zu schauen oder sogar durch die Augen von Shirotani oder Kurose zu blicken. Durch den häufigen Wechsel und einige ungewöhnliche Blickwinkel muss das Auge immer wieder reagieren und sich auf neue Perspektiven einstellen, weshalb ich den Manga alleine aus diesem Grund sehr abwechslungsreich fand und es mir nie langweilige wurde die Zeichnungen zu betrachten, die zusammengenommen eine sehr dynamische Wirkung entfalten. Ich habe mir die ganze Zeit vorgestellt, dass jemand mit einer Videokamera durch den Raum schreitet und die beiden Figuren aus verschiedenen Perspektiven filmerisch einfängt. Ich finde, eine solche Leistung muss ein Manga erst einmal vollbringen. Letztendlich spricht das dafür, dass die Komposition der Zeichnungen wirklich extrem fließend gelungen ist, sich die einzelnen Bildausschnitte gut ergänzen und beim Leser somit beinahe der Eindruck eines kleinen Films erweckt wird, der in Standbildern festgehalten wurde. Ein Zeichnungen eines eigentlich starren Artworks in der Fantasie des Lesers zum ‚Fließen‘ zu bringen, schafft Rihito Takarai wirklich vorbildlich und ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich das in dieser Perfektion noch bei keiner anderen Mangaka empfunden habe. Geht es euch da ähnlich oder ist das nur mein subjektives Empfinden?

Die Hintergründe in Ten Count nehmen nicht überhand, werden aber sehr detailliert dort eingefügt, wo sie erforderlich sind, zum Beispiel dann, wenn die Umgebung eines Cafés, einer Wohnung oder einer Straße abgebildet werden muss. Der Reiz des Manga liegt deshalb auch in der Umsetzung der Szenerie, die sich stark an der Realität orientiert und die jeder Leser aus seinem alltäglichen Leben kennt. Man kann bereits hier erkennen, dass Rhitio Takarais Werk grundlegend den Anspruch hat, eine ernst zu nehmende und an der Wirklichkeit orientierte Geschichte zu erzählen. Trotz der vielen Details wird der Leser an keiner Stelle überfordert. Beim Druck wurde glücklicher Weise die Entscheidung getroffen, nicht zu viele Schwarz-Weiß-Facetten zu benutzen, weshalb tatsächlich die Weißanteile in den Zeichnungen überwiegen und ihnen damit sehr viel zusätzliche visuelle Ruhe verleihen. Lediglich Kuroses Haare und einige Kleidungsstücke werden in Schwarz abgesetzt. Hierdurch entsteht bereits optisch ein starker Kontrast zu Shirotani, der als Figur ausschließlich in hellen Grauschattierungen gehalten wird.

Die Figuren an sich sind eigentlich recht einfach gehalten, aber aufgrund der detailliert gezeichneten Augenpartie wirken sie dennoch ausdrucksstark und es macht Spaß, sie zu betrachten. Rihito Takarai verfügt insgesamt über einen gefestigten und weichen, jedoch manchmal etwas unausgewogenen Zeichenstil. Die Proportionen der Figuren und die Gesichtsausdrücke sind in aller Regel zwar stimmig und ausgewogen umgesetzt, trotzdem lassen sich hier und dort kleine Fehler in den Gesichtszügen oder dem Körperbau entdecken, wenn man genauer hinschaut. Doch gerade diese dezenten Abweichungen machen das Artwork in meinen Augen so reizvoll. Man kann auf Anhieb erkennen, dass es sich um per Hand angefertigte Zeichnungen handelt und die leichte und dennoch nicht um all zu große Exaktheit bemühte Linienführung verleiht dem gesamten Manga etwas sehr Frisches und Zartes, das übrigens in allen Werken der Mangaka zu finden ist. Dadurch, dass die Outlines beispielsweise nicht immer vollständig durchgezogen sind oder auch gerne einmal die Stärke der Linien von dünn bis dick variiert wird, gewinnt das Artwork einen gewissen Charme des Unvollständigen, der diese Leichtigkeit erzeugt, die ich so liebe, wenn ein Manga über diese verfügt. Auffällig sind in Ten Count besonders die Zeichnungen, die die Figuren im Profil abbilden, denn in diesen offenbart sich das charakteristischste Merkmal von Rihito Takarais Charakteren: die großen und langen Nasen. In der Realität würde man hierbei wahrscheinlich bereits von einem dicken Zinken sprechen *zwinker*, aber gerade die Nasen sind es, die den Figuren eine sehr jungenhafte und irgendwie niedliche Ausstrahlung verleihen. Vor allem die Gesichtszüge der Charaktere dieser Mangaka wirken durch das kaum ausgeprägte Kinn, was man sonst in vielen BL-Manga beim Seme identifizieren kann, weniger männlich und lassen hier zum Beispiel Shirotani optisch oft wie einen 14-jährigen Schuljungen aussehen. Letzterer ist es, der aufgrund dieses Merkmals an Verletzlichkeit gewinnt. Ten Count ist übrigens der erste Manga, bei dem mir die für die Cover kolorierten Zeichnungen noch besser gefallen als die schwarz-weißen. Das kommt sonst eigentlich nie vor – aber in diesem Fall würde ich mir glatt Kurose als Poster über das Bett hängen *hust*…

Erotische Szenen

Ten Count ist mit Sicherheit das expliziteste Werk, das Rihito Takarai bisher gezeichnet hat. Während sich die Mangaka in ihren anderen Manga-Reihen auf maximal eine kleine und weniger offensichtliche Szene pro Reihe beschränkt, bietet Ten Count mindestens eine solche und dazu sehr ausgiebige pro Band. In den erotischen Szenen zeigt sich die Fähigkeit der Mangaka, sexuelle Spannung mit einer in sich schlüssigen Handlung zu verbinden. Das heißt, dass die sexuelle Interaktion zwischen Kurose und Shirotani von Band zu Band intensiver und expliziter wird. Wobei man erwähnen muss, dass der erste Band in dieser Hinsicht eine kleine Durststrecke bedeutet, denn in ihm gibt es keine Sexszene und noch nicht einmal einen richtigen Kuss. Vielleicht sind die eingefleischten BL-Fans unter euch enttäuscht, wenn sie das lesen, aber euch kann ich versprechen, dass das Ausharren bis zum zweiten Band sich wirklich auszahlt! Da ich Ten Count zum ersten Mal gelesen habe, als ich noch keine BL-Manga mochte und der Manga zudem meine erste BL-Reihe war, ist mein Blick auf den Manga nicht der selbe wie auf die anderen Werke, die ich hier rezensiere, aber ich kann mich noch daran erinnern, dass ich den ersten Band trotzdem spannend fand und es mir eigentlich gefallen hat – und auch nachträglich noch gefällt -, dass die Mangaka ihren Figuren genügend Raum einräumt, um sich zunächst einmal emotional einander anzunähern, bevor Kurose sich im zweiten Band endlich so richtig ins Zeug legen darf. Bei der Erstlektüre kam der Umschwung im zweiten Band für mich etwas plötzlich und ich war ein wenig davon überrumpelt, wie schnell sich ab diesem Punkt die Handlung entwickelt hat, aber Rückblickend kann ich nun sagen, dass dies für einen BL-Manga eigentlich noch harmlos ist und man bezüglich des Tempos von einer gemächlichen Joggingrunde sprechen kann, während andere Mangaka in diesem Genre gleich von der ersten Seite an aufs Gaspedal drücken und sich die sexuelle Beziehung zwischen den beiden Protagonisten in der Geschwindigkeit eines 100-Meter-Sprints entwickelt, bei dem Usain Bolt das Feld anführt.

Was man mögen sollte, wenn man Ten Count liest, sind Plots, die wirklich relativ tief in das Themenfeld Psychologie hineinwirken und Figuren, die zueinander in einem sadomasochistischen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Ich will wirklich deutlich betonen, dass Ten Count in den ersten vier Bänden definitiv keinen Kuschelsex anbietet, sondern Shirotani gegen seinen bewussten Willen von Kurose dominiert und zu sexuellen Handlungen forciert wird. Ganz objektiv betrachtet. Zwar kommen keine Augenbinden oder Handfesseln zum Einsatz oder was es in diesem Bereich sonst noch alles gibt (und glaubt mir, der BL-Bereich bietet in dieser Hinsicht sehr viel mehr als 50 Shades of Grey), aber was Shirotani sich unbewusst wünschen mag, steht zunächst auf einem anderen Blatt. Zudem sollte man berücksichtigen, dass es zu ‚richtigem‘ Sex (damit meine ich mit Penetration) erst im fünften Band kommt. Wie bereits im vorangegangenen Abschnitt angedeutet, steigern sich die entsprechenden Szenen bis zu diesem Punkt: Ich denke, man kann diesen Prozess recht gut den einzelnen Bänden zuordnen:

  1. Band: Kurose stimuliert Shirotani mit der Hand durch dessen Kleidung hindurch.
  2. Band: Kurose geht Shirotani an die Wäsche.
  3. Band: Kurose besorgt es Shirotani mit dem Mund.
  4. Band: Kurose weiht Shirotani in die Kunst der Analpenetration ein (zunächst lediglich mit einem Plug).
  5. Band: Shirotani und Kurose dürfen endlich richtig zur Sache kommen!
  6. Band: Der sechste Band erscheint im Frühjahr 2018 in Japan. Ein Veröffentlichungsdatum für Deutschland gibt es offiziell noch nicht, aber dazu kann ich nur sagen: Ich will mehr! Ich will endlich ein Liebeseingeständnis von Shirotani, und vor allem will ich Küsse, Kuschelsex und rosa Herzchen!

Ich finde diese Methode eigentlich sehr gut gewählt. Sie ist im BL-Bereich zwar ungewöhnlich, aber so bleibt die Spannung innerhalb der Reihe erhalten und der Sex beginnt einen nicht bereits nach dem zweiten oder dritten Band zu langweilen, weil er letztendlich doch immer relativ gleich abläuft. Ich kann das große Finale auf jeden Fall kaum noch erwarten, wenngleich dies bedeutet, dass der sechste Band der letzte und die Reihe damit abgeschlossen sein wird. Besonders sehnsüchtig warte ich im Übrigen auf den ersten Kuss zwischen Kurose und Shirotani, denn zu diesem ist es aufgrund von Shirotanis Erkrankung bisher auch noch nicht gekommen. Rihito Takarai versteht sich wirklich darauf, den Leser auf die Folter zu spannen *seufz*. Was für viele von euch ein Schmankerl sein dürfte: Bis Band vier sind die erotischen Szenen nicht zensiert und man sieht wirklich alles! Im Großen und Ganzen lege ich nicht so viel Wert auf diesen Aspekt, aber es ist im Kontrast zu den vielen zensierten BL-Manga, die es mittlerweile gibt, sicher eine nette Abwechselung für viele von euch.

Die erotischen Szenen an sich sind insgesamt wirklich sehr schön durchkomponiert und vor allem handelt es sich bei Ten Count endlich einmal wieder um einen Manga, in dem sie sehr ausgiebig dargestellt sind und viele Seiten des jeweiligen Bandes vereinnahmen. Es gibt während dieser Szenen sehr viele wirklich ausdrucksstarke Porträtzeichnungen, aber auch detaillierte Ausschnitte und die expliziten Berührungen von Kurose werden wunderbar in Bildern eingefangen. Ich finde es außerdem angenehm, dass auf zu viel Lautmalerei verzichtet wird. Das lässt die erotischen Abschnitte sehr viel ruhiger wirken und der Leser kann sich besser aufs wesentliche, nämlich die visuelle Betrachtung, konzentrieren. Ich persönlich war zum Beispiel bei Ogeretsu Tanaka, die ich im übrigen wirklich liebe, etwas abgelenkt von den vielen Geräuschen, die dem Leser da mitgeteilt werden. Man kann vielleicht sagen, dass der Leser dort vor lauter Stoß- und Klatsch- und Flatsch-Geräuschen den Wald vor Bäumen nicht mehr sieht *hust*. Wie bereits im Abschnitt „Artwork“ angesprochen, zeigt sich auch hier wieder, dass Ten Count visuell hervorragend umgesetzt ist und dem Leser beim Betrachten der Zeichnungen, von denen nichts ablenkt, wirkliches Vergnügen bereitet (und nein, Vergnügen ist ausnahmsweise nicht doppeldeutig gemeint *zwinker*). Kurz: Nach Verliebter Tyrann endlich wieder ein Manga, der die erotischen Szenen richtig zelebriert!

Darüber hinaus – und dies wird wiederum einige von euch freuen – haben wir in Ten Count ein sehr klassisches Uke-Seme-Schema. Shirotani ist klein und zierlich und wird sexuell sehr stark von Kurose dominiert. Das ist der einzige Aspekt, der mich an dem Manga ein ganz klein wenig gestört hat, wenngleich Shirotani im Notfall durchaus dazu in der Lage ist, Kurose in seine Grenzen zu weisen, wie sich in Band vier zeigt. Jedoch ist er im Bett wirklich sehr weinerlich und vor allem wird es beim Sex sehr, sehr, sehr feucht. Ich denke aber, dass ist hier schlicht eine Genre-Tradition, die tradiert wird und wenig über das eigentlich sehr komplexe Charakterdesign aussagt. Kurose ist im Alltag – trotz seiner sexuellen Neigung und optischen Erscheinung (groß, dunkelhaarig, sportlich gekleidet, teilweise sehr maskuline Ausstrahlung) – ein sehr empathischer und sorgender Charakter, der für einen Seme insgesamt überraschend bemüht um den Uke ist und diesen durchaus liebevoll und zärtlich zu behandeln weiß. Er drängt sich Shirotani zwar körperlich sehr offensichtlich auf und wirkt hierdurch erwachsen, ist im normalen Umgang mit diesem jedoch ebenso häufig verunsichert und sicher Shirotanis Gefühlen überhaupt nicht sicher, was ihn oft auch sehr verletzlich und jung erscheinen lässt. Kurose weiß halt nur im Bett sehr genau, wie der Hase zu laufen hat.

Ein weiterer Pluspunkt von Ten Count ist, dass die insgesamt doch sehr von sexueller Interaktion dominierte Handlung nicht daraus resultiert, dass die Mangaka in ihrer Reihe unbedingt möglichst viele Sexszenen einbauen musste, um die Erwartungen der Leser zu erfüllen. Natürlich gehört das im BL-Genre dazu, aber das aus der Psychologie entliehene Themenfeld des Manga basiert auf einem gestörten Verhältnis zur eigenen Sexualität und auf diesem Fundament ruht die gesamte Handlung der Reihe, weshalb die erotischen Szenen sehr natürlich wirken und sich ohne Widersprüche in den Gesamtkontext einfügen. Trotz dieses Umstands habe ich das Grundgefühl, dass der Manga bezüglich der Beziehung zwischen Kurose und Shirotani vermittelt, nie als klinisch oder medizinisch empfunden. Im Großen und Ganzen würde ich Ten Count als homosexuelle Manga-Version von 50 Shades of Grey definieren und jeder der BL-Werke liest dem die Bücher oder Filme von E. L. James gefallen, wird sicherlich auch begeistert die Entwicklung der Beziehung zwischen Kurose und Shirotani verfolgen. Wenngleich man natürlich sagen muss, dass 50 Shades of Grey in der Grundtendenz etwas düsterer und weniger psychologisch gehalten ist als Ten Count (wobei ich nur die Verfilmungen kenne und die Bücher nicht gelesen habe).

Figuren / Handlung

Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Ich finde den Plot in Rihito Takarais Manga auf psychologischer Ebene wesentlich fundierter ausgearbeitet als in 50 Shades of Grey. Kurose und Shirotani haben psychisch irgendwie beide einen leichten ‚Knacks‘ weg und ich kann mich nie gegen das Gefühl wehren, dass es hier zwei traumatisierte Seelen sind, die zueinander finden und sich im Rahmen ihrer augenscheinlich vielleicht etwas grotesken Beziehung gegenseitig mehr Halt geben, als es die Gesellschaft vermag. Besonders Shirotani scheint in Kurose den Ruhepunkt in seinem Leben gefunden zu haben, nach dem er lange vergeblich gesucht hat, wenngleich sich dies erst im Verlauf der Reihe herauskristallisiert.

Ich finde es schön, wie einfühlsam und mit welchem Geschick und fundierten Kenntnissen Rihito Takarai den psychologischen Plot der Reihe ausarbeitet und den Kernpunkt von Shirotanis Mysophobie dem Leser nach und nach offen legt. Wenn man die Reihe gelesen hat, wird man definitiv einen anderen Blick auf Menschen mit einer psychischen Zwangsstörung haben. Wenn ein Werk den eigenen Blickwinkel auf die Lebensumstände anderer Menschen verändert, ist das alleine immer schon ein Grund, warum dieses lesenswert ist, wie ich finde. Shirotanis Erkrankung resultiert aus einem Erlebnis in seiner Kindheit und seiner offensichtlichen Homosexualität, die sich bereits in jungen Jahren zu zeigen begann. Ich denke, wir haben hier einen etwas umgeformten Ödipuskomplex vorliegen, das heißt, Shirotani verliebt sich aufgrund seiner homosexuellen Veranlagung nicht in seine Mutter, sondern in seinen Vater und sieht die weiblichen Bekanntschaften von diesem als Konkurrentinnen. Gemäß der Lehre Freuds verhält sich eigentlich genau andersherum. Mit der homosexuellen Komponente finde ich diese kleine Abweichung aber sehr schlüssig erklärt. Da sein damaliges Kindermädchen den kleinen Jungen beim Masturbieren überrascht und ihn daraufhin als ekelhaft und abstoßend bezeichnet, verbindet Shirotani seine sexuelle Neigung fortan mit etwas Verbotenem und Abstoßendem, woraus sich schließlich seine Mysophobie entwickelt. Sie ist damit nur ein Symptom seines eigentlichen psychischen Traumas. Mit jedem Akt der Selbstbefriedigung und im ständigen Konflikt mit den Gefühlen, die er seinem Vater gegenüber hegt, verstärkt sich Shirotanis Reinlichkeitszwang. Da er sich selbst für schmutzig und abnormal hält, versucht er mittels dieser Methode ein Gefühl von innerer Reinheit zu erlangen, indem er sich ständig die Hände wäscht und damit körperlich säubert. Zudem beginnt er den Kontakt mit anderen Menschen zu meiden, da er Angst davor hat, dass diese seine vermeintlich ‚falschen‘ Gefühle durchschauen und dass Shirotani diese mit jeder seiner Berührungen ebenfalls ‚verschmutzt‘. Mit der Zeit verselbstständigt sich diese Zwangshandlung und Shirotani ist letztendlich nicht mehr dazu in der Lage, die physischen und psychischen Komponenten seines Traumas voneinander zu trennen. Obwohl er mit über 30 dazu in der Lage sein sollte, sein damaliges Verhalten zu reflektieren, zu analysieren und zu verstehen, gelingt ihm dies aufgrund seiner Isolation nicht.

Diesen Kreislauf aus Selbsthass und Reinigungszwang, der sich in einer endlosen Schleife wiederholt, durchbricht Kurose mit dem Eintritt in Shirotanis alltägliches Leben. Kurose behandelt nicht nur Shirotanis Mysophobie, sondern konfrontiert diesen außerdem mit seinem eigentlichen psychischen Problem, welches diese verursacht: die Gefühle für seinen Vater und seine Homosexualität. Kurose, der homosexuell und zudem sadistisch veranlagt ist und durch die Dominierung seines Partners Lust erfährt, erkennt recht schnell Shirotanis sexuelle Neigung und seine eigentlich masochistische Veranlagung. Shirotani erfährt Lust durch Demütigung. Kurose weiß zwar nichts von Shirotanis Erlebnissen in dessen Kindheit, doch instinktiv tut er das einzig Richtige: Er konfrontiert den Sekretär nicht nur mit seinem Ekel vor alltäglichen Objekten und Gegenständen, sondern auch mit dem vor sich selbst. Durch das sexuelle Verlangen, das Shirotani nun erfährt, gelingt es ihm nach und nach, sein Trauma zu überwinden, denn er beginnt zu erkennen, dass andere Menschen ihn mitsamt seiner Sexualität akzeptieren und lieben können und vielmehr noch – dass er ihnen mit seinen Berührungen nicht schadet. Kurose erfährt ebenfalls Halt in der Beziehung zu Shirotani, denn auch für ihn gab es in seiner Kindheit ein traumatisches Erlebnis: Von den Eltern häufig alleine gelassen, freundete er sich mit einem jungen Schriftsteller an, der ebenfalls an Mysophobie litt. Nachdem der junge Kurose in dem Glauben gelassen wurde, der Schriftsteller habe Selbstmord begangen, leistet er sich selbst gegenüber den Schwur, Psychologe zu werden und den nächsten Patienten zu kurieren und dessen Leben zu retten und lebenswürdig zu gestalten. Man könnte also wirklich sagen, dass das Schicksal Shirotani und Kurose zusammen geführt hat. Das ist der Grund, weshalb der Manga trotz des ganzen Sadomaso-Krams und der psychologischen Problematiken so romantisch ist *träum*.

Freilich entwickelt sich die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten nicht ohne Konflikte, denn beide Figuren kämpfen mit psychologischen Problemen und besonders Shirotani, der sich selbst ablehnt, hat zu Beginn enorme Schwierigkeiten damit, die Gefühle, die er gegenüber Kurose entwickelt, überhaupt zu verstehen und einzuordnen. Dass es sich dabei um Liebe handelt, ist dem Leser spätestens in Band drei klar, doch Shirotanis Realisierungsprozess ist im fünften Band noch immer nicht abgeschlossen. Ich bin gespannt, wie die Reise der beiden im kommenden und letzten Band enden wird! Kurose ist insgesamt ein sehr verschlossener Charakter, der auch vom Leser nicht leicht durchschaut werden kann. Ich habe mich zwischendurch immer wieder gefragt, ob er Shirotani wirklich liebt oder ob dieser nur ein Objekt ist, an dem Kurose sein schlechtes Gewissen abarbeitet. Diese Zweifel verschwinden jedoch, wenn er Shirotani seine verletzliche Seite offenbart und diesem gesteht, dass es seine größte Angst ist, diesen zu verlieren oder zu verletzen. Der Kontrast beziehungsweise Widerspruch zwischen diesen beiden Seiten – der sadistischen und der empathischen – macht Kurose zu einer sehr spannenden und reizvollen Figur, während Shirotanis Persönlichkeit eher auf Grundlage seiner Erkrankung definiert wird.

Was ich zudem als wichtigen Aspekt des Manga erachte: Er zeigt deutlich auf, wie sehr der Blick der Gesellschaft auf die sexuelle Orientierung eines Menschen diesen psychisch nicht nur beeinflussen, sondern sogar zerstören kann, wenn er in diesem Rahmen nicht der sozialen Norm entspricht. Nicht jeder hat das Glück einem Kurose zu begegnen. In dieser Hinsicht ist der Manga zwar etwas geschönt, denn Shirotani ist weitestgehend von verständnisvollen Menschen umgeben und hat Glück mit seiner Arbeitsstelle, aber dafür handelt es sich hierbei schließlich um Literatur und ich finde es insgesamt trotzdem sehr positiv, dass Ten Count nicht im typischen BL-Kitsch versinkt, sonder sehr explizit die Probleme thematisiert, mit denen die beiden Protagonisten konfrontiert werden. Gerade auch in Bezug auf ihre Sexualität.

Fazit

Ten Count ist ein Manga, der eine anspruchsvolle psychologische Thematik mit wunderschönen harmonischen Zeichnungen, einer hervorragenden redaktionellen Umsetzung, komplexen Figuren und sadomasochistisch angehauchten erotischen Szenen verbindet. Prinzipiell würde ich die Reihe vor allem den Lesern und Leserinnen unter euch empfehlen, denen zum Beispiel 50 Shades of Grey oder die Manga-Reihe Verliebter Tyrann gefallen. Die Zeichnungen der Sexszenen sind nicht zensiert und überzeugen besonders aufgrund ihrer Explizitheit, Übersichtlichkeit und Länge. Wenn man die erotische Durststrecke im ersten Band verkraften kann, wird man ab dem zweiten Band mit einer mit beinahe wissenschaftlicher Exaktheit ausgearbeiteten Handlung belohnt, die eine psychische Zwangsstörung, die Mysophobie, in den Mittelpunkt stellt und beispielhaft die hauptsächlichen Ursachen und Symptome einer solchen analysiert. Man sollte an diesen Themenfeldern Interesse haben, da sie doch weite Teile des Manga ausmachen und Kapitel aus Shirotanis und Kuroses Kindheit einschließen. Eine romantische Grundstimmung kommt aufgrund des Verhältnisses, in dem die beiden Protagonisten zueinander stehen, zunächst nicht auf und entwickelt sich er langsam ab dem Ende des vierten Bandes. Mit dem sechsten Band, der in Japan bereits erschienen ist und für den es in Deutschland noch kein Veröffentlichungsdatum gibt, wird die Reihe abgeschlossen sein. Ich hätte es schöner gefunden, wenn es – entsprechend des Titels – zehn Bände geworden währen *zwinker*. Ten Count ist definitiv einer meiner liebsten BL-Manga.

Jaa mata ne, eure Amaya!


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.