TitelSakura-Gari

Genres: Boys‘ Love, Mystery, Historical, Psychological, Tragedy

Zeichnungen / Story: Yuu Watase

Bände: 3 / abgeschlossen

Verlag: Egmont Manga

Erscheinungsjahr des 1. Bandes: 2009

Erotische Szenen: ❤❤

Egmont Manga hat diese tolle Reihe leider nicht mehr im Programm beziehungsweise stellt keine Infos auf der Homepage zur Verfügung.

Hier kommt endlich die Auflösung zu meinem im Mai geheimnisvoll angekündigten Juni-Projekt: Ich habe mich in den letzten Wochen tapfer auf Kirschblütenjagd (denn das bedeutet der Titel im Deutschen) begeben und durch die drei (für Manga-Verhältnisse) dicken Wälzer Sakura-Gari von der fantastischen Yuu Watase gekämpft, deren Umfang ich – in Verbindung mit der mir zur Verfügung stehenden Freizeit – doch ziemlich unterschätzt hatte. Vielleicht habt ihr meine kleine Nervenkrise im Mai-Beitrag live miterlebt… Wobei sich das natürlich nicht nach Gejammer anhören soll, denn ich habe beim Lesen sehr viel Freude an diesem Manga gehabt. Falls euch übrigens die zunehmend ernste Tendenz meiner letzten Beiträge in Sorge versetzt, keine Angst – für den Juli plane ich zur Abwechslung wieder eine Rezension zu einem heiteren Manga. Dementsprechend lockerer wird es hier dann auch wieder zugehen. Aber Sakura-Gari konnte ich mir diesen Monat nicht verkneifen, denn die Reihe hat mich emotional sehr berührt und teilweise auch aufgewühlt, weshalb ich einfach nicht anders konnte, als sie für diesen Beitrag auszuwählen. Gomenasai! Tatsächlich ist Sakura-Gari der erste Manga, über den ich selbst aufgrund eines Literaturblogs gestolpert bin. Der Rezensent kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, weshalb mein BL liebendes Herz an dieser Stelle (mal wieder) meinen Verstand und alle rationalen Gegenargumente (zum Beispiel meinen Kontostand) niedergebügelt hat und ich mir die Reihe postwendend im Netz organisiert habe. Es leben die unendlichen Weiten des Internets! Mehr sage ich dazu auch gar nicht, denn das würde mir nur wieder vor Augen führen, der wie vielte Spontan-Manga-Kauf das in den letzten Wochen wieder gewesen ist und, ehm… Für manche Situationen ist unser Gehirn nicht zu unrecht mit guten Verdrängungsmechanismen ausgestattet. Ich würde sagen, meines hatte in letzter Zeit in dieser Hinsicht gut zu tun. Aber was solls, für die guten Dinge im Leben (zum Beispiel BL-Manga) muss man hin und wieder etwas Schmerz in Kauf nehmen…

Bevor ich mich dem Inhalt von Sakura-Gari zuwende, möchte ich an dieser Stelle noch einen kleinen Hinweis einstreuen. Irgendwann in den kommenden Woche werde ich voraussichtlich den Blog etwas umgestalten und ihn – nun ja, urheberrechtsfreundlicher machen. Damit ihr euch nicht erschreckt, wenn ihr dann hier landet und plötzlich alles etwas anders ausschaut. Der Aufbau des Blogs wird der selbe bleiben, aber ich werde die ganzen, streng genommen ‚geklauten‘, Bilder entfernen und durch eigene ersetzen. Ehrlich gesagt, habe ich, als ich „Manga unter der Bettdecke“ gestartet habe, keinen Gedanken an solche Dinge wie Urheberrecht und Copyright verschwendet beziehungsweise sie gekonnt ignoriert (ähnlich, wie ich es gerne mit meinem Kontostand tue). Da der Blog jetzt aber doch bereits eine ganze Weile besteht und die mediale Debatte um Urheberrechte an Bildern nach wie vor unverändert tobt, möchte ich mich lieber auf die sichere Seite schlagen und für die Zukunft kein Risiko mehr eingehen. Es wäre sicherlich für uns alle schade, wenn hier eines Tages ‚dicht‘ gemacht werden würde, weil ich ein paar kleine, aber essentielle Regeln missachtet habe, ähm… Im Klartext bedeutet das, dass ich sowohl die Bilder auf der Startseite als auch die Titelbilder meiner Beiträge durch eigene Fotos ersetzen werde. Darüber hinaus werde ich, wenn Leseproben / Infoboxen zu einem Manga auf der jeweiligen Verlagsseite existieren, kein Bildmaterial mehr in meine Beiträge einfügen, sondern euch die entsprechende Seite verlinken. Das tut mir eigentlich wirklich leid, aber ich hoffe einfach mal, dass ihr Verständnis für diesen Schritt aufbringen und meine Gründe nachvollziehen könnt.

Stellt der entsprechende Verlag kein eigenes Material / eigene Infos zur Verfügung, werde ich aber nicht darauf verzichten, euch wenigstens das Cover und eine Abbildung aus dem Manga in die Rezension einzubinden, denn immerhin will ich euch ja Empfehlungen geben und bei der Entscheidung behilflich sein, welche Reihen vielleicht einen Kauf wert sein könnten. Und ich persönlich finde, dass das Artwork da eine ganz (mit)entscheidende Rolle spielt! Bei einem Roman kann ich anhand des Klappentextes entscheiden, ob mich der Inhalt anspricht oder nicht, aber bei einem Manga ist dieses Kriterium eben nicht das einzige. Zumal das Titelmotiv eines Manga meiner Meinung nach oft nur unzureichend den tatsächlichen Stil der Mangaka einfängt. Unter diesem Aspekt kann ich auch nicht verstehen, warum sich die Verlage teilweise dagegen sperren, einzelne Abbildungen aus ihren Manga freizugeben, denn ich glaube, dass die Veröffentlichung solcher durchaus auch einen positiven Effekt hätte und hier viel Potenzial verschenkt wird. Ein Manga, bei dem man sich bisher unsicher war, weil man den Zeichenstil nicht einschätzen konnte, kann vielleicht alleine aufgrund des Artworks plötzlich vom Gegenteil überzeugen. Ich finde, das ist zunächst einmal eine Servicedienstleistung, die man seinen Lesern anbieten sollte. Mittlerweile gibt es zum Glück mehr und mehr Leseproben und ich weiß, dass das Fehlen solcher manchmal auch mit den Lizenzen und anderen rechtlichen Aspekten zusammenhängt, aber insgesamt könnten die deutschen Verlage hier durchaus noch Boden gut machen, gerade auch im BL-Bereich. Dorte herrscht teilweise sogar ein ziemlich eklatanter Mangel an Leseproben. Oder wie seht ihr das? Aber jetzt habe ich genug geschwafelt und wir wollen uns den wirklich wichtigen Dingen zuwenden!

T R I G G E R W A R N U N G:

Ich habe das in dieser Form noch nie für einen BL-Manga getan, aber für Sakura-Gari erachte ich sie als notwendig – die Warnung vor sensiblen Inhalten. Ja, der Manga ist eine BL-Reihe, aber Yuu Watase sieht von jeglicher Romantisierung der Vergewaltigungen und weiteren Misshandlungen ab, wie sie in vielen neueren BL-Manga mittlerweile üblich ist. Die Szenen, in denen es um häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch und Suizid geht, sind sehr explizit dargestellt und lassen den Leser mit intensiven und eindrücklichen Bildern zurück, weshalb ihr euch vor einem eventuellen Kauf der Reihe und dem Lesen meiner Rezension gut überlegen solltet, ob ihr mit solchen Themen umgehen könnt.

Inhalt

Japan im Jahr 1920 (Taishō 9 nach japanischer Zeitrechnung). Der 17-jährige und aus einfachen ländlichen Verhältnissen stammende Masataka Tagami verlässt seine Pflegefamilie, um in Tokyo eine Stelle als Famulus anzutreten, die ihm Unterkunft und Verpflegung sichern soll, während er die Vorbereitungsschule besucht, die ihn auf die Aufnahmeprüfungen an den Tokioter Eliteuniversitäten Teidai und Ichikou vorbereiten wird. Die wirtschaftliche Regression geht jedoch auch an der reichen Oberschicht nicht spurlos vorüber und so muss Masataka nach seiner Ankunft in Tokyo feststellen, dass der Bekannte seines ehemaligen Lehrers, der ihn aufnehmen sollte, insolvent gegangen und fortgezogen ist (ja, so etwas passierte in Zeiten ohne Internet und Telefon noch häufiger). Durch einen (zunächst scheinbar) glücklichen Zufall begegnet Masataka allerdings dem Adelssohn Souma Saiki und nutzt die Gunst der Stunde, um diesem seine Dienste als Famulus anzubieten, bereits vom ersten Augenblick an fasziniert von dem schönen und geheimnisvollen jungen Mann mit den traurigen Augen und der seltsamen Vorliebe für den Kirschbaum auf dem Familienanwesen. Nach einigen bangen Momenten stimmt Souma Masatakas Vorschlag zu und nimmt den Universitätsanwärter auf seinem Anwesen auf. Masataka lebt sich gut bei den Saikis ein und scheint mit seiner fröhlichen und unbeschwerten Art nicht nur das Herz der anderen Angestellten im Sturm zu erobern, sondern auch einen gewissen Zugang zum verschlossenen und kalten Souma zu finden, der alleine im Umgang mit Masataka etwas menschliche Wärme zeigt und diesem schließlich sogar offene Zuneigung entgegenbringt. Einzig mit Terashima, dem zweiten Famulus der Familie, kommt Masataka nicht so gut zurecht, denn dieser ist eifersüchtig darauf, dass er Souma nun mit einem weiteren jungen Mann teilen muss.

Masataka kommt mit der Zeit jedoch schnell dahinter, dass in der Familie Saiki und auf dem Anwesen nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen scheint. Warum darf niemand das alte Lagerhaus betreten, das im Norden des Anwesens liegt und bei dessen Brand Terashima ums Leben kommt? Und wer ist das seltsame Albinomädchen, das Masataka vor den Flammen rettet und das Soumas kleine Schwester Sakurako zu sein scheint, die seit mehr als zehn Jahren vorborgen und vor der Öffentlichkeit versteckt im Lagerhaus lebt? Nachdem sich die Leichen um Souma zu häufen beginnen, fasst Masataka einen folgenschweren Entschluss: Egal, was es kostet, er muss wissen, welches Geheimnis das alte Lagerhaus über Soumas Vergangenheit verbirgt. Was er dort entdeckt, ändert sein Verhältnis zu diesem jedoch von Grund auf. Fotos, die eine alte Truhe beherbergt, enthüllen einen Schrecken, der Souma in Masatakas Augen in ein Monster verwandelt. Noch im Lagerhaus vergewaltigt Souma zum ersten Mal seinen neuen Famulus. Von diesem Punkt an wird Masataka in eine Flut aus Hass, Wahnsinn und Gewalt gezogen, die die Familiengeschichte der Saikis durchtränkt und in der er schwer traumatisiert unterzugehen scheint. Die Situation zwischen dem jungen Famulus und seinem Herrn verschärft sich noch einmal, nachdem Souma verspricht, die Schulden von Masatakas älterem Bruders bei der Yakuza zu begleichen, wenn Masataka dafür Soumas Befehlen folgt. Masatakas einziger Daseinszweck ist es fortan, die sexuellen Gelüste seines Vorgesetzten zu befriedigen. Umso entsetzter regiert er, als er feststellen muss, dass sich Soumas Begehren in echte Liebe zu wandeln beginnt. Doch neben den traumatischen Erlebnissen beschäftigt Masataka zusehends die Frage, was eigentlich in diesem Haus geschehen ist, in dem sich alle Familienmitglieder zu hassen scheinen, in dem die Bediensteten die Augen vor Gewalt und Misshandlung verschließen und in dem ständig der Arzt Katsuragi ein und ausgeht, ohne, dass es Soumas krankem Vater je besser ginge. Wie hängt dies alles mit dem Selbstmord von Soumas Stiefmutter zusammen und wem kann Masataka überhaupt noch trauen?

Dem jungen Famulus wird klar, dass es für ihn nur einen Weg aus diesem Albtraum gibt: Masataka muss verstehen, was Souma zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Und so wird die Reise in Soumas Vergangenheit, der als kleiner Junge von seiner leiblichen Mutter getrennt und als neuer Stammhalter des Hauses Saiki von England nach Japan gebracht wurde, auch eine schmerzliche Reise in Masatakas eigene Kindheit. Trotz der Adoption und des allumfassenden Gefühls der Einsamkeit, das die beiden jungen Männer seit jeher teilen, gelingt es Masataka erst im letzten Band der Reihe, menschlich über sich hinauszuwachsen und die Gewalt, die Souma ihm angetan hat, als Ausdruck des unendlichen Leids zu erkennen, das der Seele des jungen Mannes zugefügt wurde. Werden Masatakas und Soumas seelische Narben durch die Gegenwart des jeweils anderen heilen können oder werden die beiden jungen Männer an ihrer zerstörerischen Beziehung zueinander zerbrechen?

Artwork / Gestaltung

Passend zu seinem Inhalt, einer Mischung aus Historie und Tragödie, findet der Manga für sein Artwork einen diese beiden Elemente verbindenden Ansatz. In dramatischen Momenten, in denen die Emotionen und Gefühle der Figuren im Mittelpunkt stehen, nehmen großformatige Zeichnungen der Körper und Gesichter die Panele ein, während in Situationen, in denen der szenische Kontext berücksichtigt werden muss, komplex gestaltete und mit viel Liebe zum Detail ausgestattete Hintergründe den Leser in das Jahr Taishō 9 versetzen. Das optisch sehr authentische historische Gewand, in das sich Sakura-Gari hüllt, ist sicherlich nicht zuletzt auch der sehr ernsthaft betriebenen Literaturrecherche von Yuu Watase zu verdanken, die im Nachwort jedes Bandes von ihren einzelnen Arbeitsschritten berichtet. Mit diesen jeweils der Geschichte nachgestellten Nachworten sind im Übrigen meine kühnsten BL-Manga-Träume wahr geworden, denn Sakura-Gari ist der erste Manga, der mir hinsichtlich seines Inhalts und dessen Interpretation das übliche Rätselraten ‚erspart‘, dem ich mich sonst immer mit ausufernder Leidenschaft hingebe, was man wahrscheinlich regelmäßig an der Länge meiner Rezensionen erkennen kann, ehem… Ihr könnt euch also glücklich schätzen, denn mein Beitrag zu Sakura-Gari wird vielleicht einmal kein Epos. Hm, vielleicht…

Für ihre Zeichnungen von Hintergründen und Kleidung hat sich die Mangaka an geschichtlichen Aufzeichnungen und Berichten orientiert, weshalb man bereits mit der ersten Seite des Manga das Gefühl bekommt, Raum und Zeit hinter sich zu lassen und in eine Epoche einzutauchen, die technisch noch weit entfernt von unseren heutigen modernen Standards ist. Besonders Masatakas Uniform mit Schiebermütze und weitem Rock entspricht 1:1 den Gewändern, die scheinbar in den Jahren zwischen 1912-1926 (die Spanne der Taishō-Zeit) für angehende Universitätsanwärter oder Famuli (laut Duden ist das der korrekte Plural, ehm… klingt komisch) geläufig waren. Dennoch sollte man als Leser nicht jede Kleinigkeit für bare Münze nehmen, denn der Mangaka ging es vor allem um ein mit Stimmung aufgeladenes Historiengemälde und keineswegs um eine wissenschaftlich korrekte Abbildung der Taishō-Zeit. Bereits auf den ersten Seiten wird eine stimmungsvolle Atmosphäre geschaffen, die vor allem durch die Kombination verschiedener Motive entsteht. Während Masatakas Gewand seinen biografischen und sozialen Status und den Schauplatz der Handlung markiert, lassen die Gebäude im Hintergrund erste Rückschlüsse auf die Epoche zu. Die Lokomotive und die Automobile symbolisieren hingegen den technischen Fortschritt und den Umbruch, in dem Japan sich zu dieser Zeit befindet, während die ersten Zeichnungen von Kirschblüten bereits das zentrale Motiv beziehungsweise Symbolelement der Reihe aufgreifen. Es wird jedoch ebenfalls offensichtlich, dass der Erste Weltkrieg Spuren in Japans Wirtschaftssystem hinterlassen hat, während sich politisch insgesamt langsam eine Annäherung an westliche und damit demokratische Verhältnisse abzeichnet. Die alten japanischen Adelsfamilien brechen auseinander und verarmen, wohingegen der ’neue‘ Wirtschaftsadel gesellschaftlich immer weiter aufsteigt und Fortschritt und Wohlstand im Land voran treibt. Kleiner Exkurs: In diesem Kontext kann man übrigens auch Ein melancholischer Morgen von Shoko Hidaka verorten, die sich in ihrer Reihe um den Baron Akihito Kuze und den Familienbutler Tomoyuki Katsuragi sehr stark auf die schwellenden Konflikte zwischen ‚altem‘ und ’neuem‘ japanischen Adel konzentriert. Aber zurück zu Sakura-Gari: Diese komplexe und umfassende historische Thematik verliert im Manga schnell an übergeordneter Bedeutung und mehr und mehr rückt die Familiengeschichte der Saikis als exemplarisches Beispiel für die sozialen Verhältnisse innerhalb der Adelsfamilien in den Fokus der Erzählung.

In diesem Rahmen wird Souma Saiki zu einer Symbolfigur, die, in England geboren und als kleiner Junge nach Japan gebracht, in Aussehen und Kleidungsstil Attribute beider Kulturen vereint. Hier vollbringt die Mangaka zeichnerisch einen kunstvollen Spagat, der Ausdruck in Soumas japanisch geprägten Gesichtszügen und den langen dunklen Haaren sowie seinen feinen englischen Anzügen findet. Und ebenso gut hat die Mangaka die leeren Augen und makellosen sowie kalt erscheinenden Gesichtszüge der Figur eingefangen, über die nur ab und an ein leichter Hauch tiefen Schmerzes zu ziehen scheint. Seinen Spitznamen „westliche Puppe“ trägt Souma unter visuellen Gesichtspunkten auf jeden Fall zu recht. Er wirkt in seinen hoch geschlossenen Anzügen wortwörtlich sehr zugeknöpft und steif, ist dabei aber gleichzeitig von atemberaubender Schönheit. Im starken Gegensatz zu Souma steht Masataka mit seiner offenen und lebhaften Mimik und den beinahe kindlichen Gesichtszügen und großen glänzenden Augen. Obwohl die beiden Figuren eine ähnliche Biografie teilen, leben sie (zunächst) doch in verschiedenen Welten, was bereits zu Beginn des Manga anhand des Figurendesigns offensichtlich wird.

Insgesamt sieht man dem Artwork und der Gestaltung des Manga zwar an, dass er schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber ich war teilweise trotzdem von der sehr modern wirkenden Anordnung der Panele und dem differenzierten Einsatz der Rasterfolie überrascht, mit deren Hilfe vor allem die Materialstruktur verschiedener Objekte sehr realistisch hervorgehoben wird. Es gibt einige Stellen, an denen großformatige Zeichnungen von bestimmten Szenerien oder Ereignissen den Rahmen des Panels aufsprengen oder zumindest übergreifend die jeweilige Seite / Doppelseite dominieren und teilweise in die folgende Zeichnung überfließen. Diese Gestaltung erlaubt dem Auge des Betrachters eine gewisse räumliche Weite und schafft aufgrund der enormen Detailtiefe Platz für kurze Momente der Ruhe / Analyse, in denen der Leser verweilen und die sich teilweise überschlagenden Ereignisse verarbeiten kann. Diese Szenen, die für die Handlung von besonderer Bedeutung sind, heben signifikante Situationen aus der Masse der ansonsten konventionell gerahmten und artig gereihten Panele heraus fokussieren sich auf einen bestimmten emotionalen Zustand der jeweiligen Hauptfigur. Neben dem Einsatz von den genannten großformatigen und weiteren abgeschrägten Panelen, die den Ereignissen in bewegungsreichen Szenen sehr viel Dynamik verleihen, haben mir besonders die kleinen Bildreihen und Detailzeichnungen gefallen, die in Sakura-Gari wie eine Art Minidaumenkino in einzelne Seiten eingefügt werden und zum Beispiel die Serialisierung einer Geste, eine Bewegung oder eines mimischen Ausdrucks einfangen. Durch diese kleinen Reihungen werden besonders die sexuell behafteten Szenen in ein Format überführt, das im Kopf des Lesers eine Art bewegtes Bilderkino entstehen lässt und dadurch einen sehr intensiven visuellen Nachklang einzelner Ereignisse erzeugt. Wer von euch außerdem mit dem Manga Haikyuu vertraut ist, wird die Zeichnungen kennen, die eine extrem bewegungslastige Szene aus dem Kontext herausheben, indem die Strichführung stark von feinen, vertikal verlaufenden Schraffuren geprägt ist und auf den Einsatz sämtlicher Kolorierung verzichtet wird. Diese Technik ermöglicht es der Mangaka, beim Leser den starken Eindruck heftiger Bewegung zu erzeugen, nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der emotionalen Ebene der Figuren. Durch die gleichzeitig skizzenhafter wirkende Strichführung tritt die rohe Kraft der (gesichtsmimischen) Bewegung in den Vordergrund, die den affektiven Gefühlsausbruch der Figuren untermalt.

Yuu Watases Zeichenstil ist insgesamt schwer in einen Vergleich mit einem anderen Werk zu setzen. Die quantitativ tendenziell eher sparsam eingesetzten Hintergründe reichen vom Stil her in ihrer Detailtiefe, Komplexität und Feinheit an die Zeichnungen von Inariya Fusanosuke heran, wohingegen die Figuren sehr viel einfacher und schlichter wirken, dabei aber keineswegs skizzenhaft. Im Gegenteil, sie stehen in einem auffälligen Kontrast zu den kupferstichartig wirkenden, stark schraffierten Hintergrundbildern und weisen eine beinahe grafische Qualität auf. Bei sehr genauer Betrachtung fällt auf, dass die gradlinigen und sehr gefestigt wirkenden Konturen der Figuren, wo kein Strich überflüssig oder nachlässig gesetzt wirkt, durch eine Vielzahl winziger sich überlagernder Linien entstehen, die den Figuren trotz ihrer beinahen zeichnerischen Härte eine gewisse Feinheit und Eleganz erhalten. Doch von diesen ganzen Aspekten abgesehen gibt es ein Merkmal, das mich vor allen anderen zu einem Fan von Yuu Watases Zeichenstil gemacht hat: die ‚farbliche Nacktheit‘ der gezeichneten Figuren. Während der Manga für meinen Geschmack etwas zu viel Gewicht auf den Einsatz schwarz kolorierter Elemente legt, die vor allem in Szenen mit detaillierten Hintergründen oder Kleidungsstücken viel von den Figuren zu verschlucken scheinen, wird in Bezug auf die Körper der Figuren auf jegliche Schattierung verzichtet. Die Illusion von Knochen, Muskeln und Sehnen wird einzig durch den Einsatz weniger, aber pointiert gesetzter feiner Linien erzeugt. Diese reine Schlichtheit erhält dem Manga nicht nur diesen ganz speziellen Zeichencharakter, den ich an einigen wenigen Werken so liebe, sondern ist gleichzeitig mit symbolischer Bedeutung aufgeladen: Wenn Masataka und Souma sich ihrer Bekleidung und Gewänder entledigen, wird dem Peiniger mit der Nacktheit des Körpers nicht nur dessen Ungeschütztheit und Verletzlichkeit offen gelegt, sondern auch die eigene Seele wird sinnbildlich entblößt.

Erotik

Vor diesem Teil meines Beitrags, muss ich gestehen, hat es mich zum ersten Mal etwas gescheut. Eigentlich fangen meine Bedenken bereits mit der Überschrift dieses Absatzes beziehungsweise des der Rezension vorangestellten Steckbriefs an, denn obwohl wir in Sakura-Gari ziemlich viele nackte Körper und ausgiebigen, ausufernden und durchaus wunderschön gezeichneten und in Szene gesetzten Sex zu sehen bekommen, haben die Umstände so wenig mit erotischen Darstellungen zu tun, wie man es sich nur vorstellen kann. Aus diesem Grund werde ich mich in Hinblick auf den ‚erotischen‘ Grundton der Reihe tatsächlich einmal recht kurz halten. In der Triggerwarnung ist ja bereits angeklungen, dass Yuu Watase die sexuellen Interaktionen in zwischen den Figuren in ihrem Werk in keiner Weise romantisiert, sondern als das stehen lässt, was sie wirklich sind: Schwere Fälle von (Kindes)Missbrauch und (Kindes)Misshandlung, die ihre Opfer für den Rest ihres Lebens zeichnen und traumatisieren. Gegen Ende der Reihe hatte ich daher eigentlich eher das Gefühl, mich möglichst zeitnah selbst in psychologische Behandlung begeben zu müssen. Sakura-Gari ist der erste Manga seiner Gattung, der mich in Hinblick auf die ‚Sexszenen‘ tatsächlich schockiert hat, nicht aufgrund der formalen Tatsache, dass sie dargestellt werden, sondern hauptsächlich wegen ihrer schonungslosen Gewalt und Grausamkeit. Diese Grausamkeiten, die sich teilweise über viele viele Seiten hinziehen, muss man vielleicht sogar noch in ein anderes Verhältnis setzen, nämlich in jenes, dass ich zu einem Leserkreis gehöre, der an diese Art künstlerischer Darstellung in gewisser Weise gewöhnt ist, da er regelmäßig BL-Manga konsumiert. Ein unvoreingenommener Betrachter würde Sakura-Gari wahrscheinlich als durchweg zutiefst erschütterndes und pädophiles Werk einordnen, dass in Hinblick auf das Vergewaltigungsmotiv mit vielen Tabus und konventionellen Darstellungsformen bricht.

Dennoch wagt es der Manga gegen Ende, für die Konstellation, in der Souma als Täter auftritt, eine Perspektive anzuregen, die Souma zwar nicht von seiner Schuld befreit, aber es dem Leser dennoch ermöglicht, die psychologischen Motive nachzuvollziehen, die hinter seinen Taten stehen, und diese individuell einzuordnen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind die aufwühlenden Missbrauchszenen notwendig, denn letztendlich geht es hierbei nicht um Erotik, sondern die Darstellung von Machtgefügen und die Ausnutzung und Instrumentalisierung kindlicher Hilflosigkeit, deren Erleben das Opfer zum späteren Täter wandelt, der die eigenen durchlebten Qualen zu verarbeiten versucht, indem er sie an einen anderen Menschen weiterreicht. Die Mangaka formuliert in Sakura-Gari eine ganz deutliche Anklage der patriarchalischen geprägten und stark hierarchisierten Familienstrukturen dieser Epoche der japanischen Geschichte und prangert eine Gesellschaft an, in der Kinder zum Spielball der machtpolitischen Interessen ihrer Eltern degradiert werden. Umso schwerer wiegt der bleierne Schleier des Schweigens, der über alles und jeden gezogen wird und selbst die Bediensteten des Hauses Saiki mit einschließt. Wie nicht untypisch für den japanischen Kulturkreis, wird über intime Themen, die weit in den persönlichen Bereich hineinreichen, selbst innerhalb des engsten Familienkreises nicht gesprochen. Thematiken wie Gewalt, Missbrauch und Homosexualität werden tot geschwiegen und besonders nach außen hin sind die Familien darum bemüht, den schönen Schein zu wahren, nicht zuletzt auch, um den ältesten Sohn, dem als alleinigem Stammhalter einer adeligen Familie der gesamte Besitz zusteht und der zur Fortführung der Familienlinie verpflichtet ist, angemessen verheiraten zu können. Das Adjektiv „angemessen“ lässt sich in diesem gesellschaftlichen Kontext mit dem Begriff „standesgemäß“ umschreiben und bedeutet letztendlich nur eines: reich. Eheschließungen im Adel dienten im historischen Japan alleine dem Zweck, die politische, gesellschaftliche und finanzielle Situation des eigenen Hauses zu verbessern oder zu stärken. Wut, Verzweifelung, Hass und Einsamkeit haben sich im Rahmen dieses erdrückenden sozialen Korsetts bei Souma angestaut und brechen sich Bahn, als sie ein Ventil in Reichweite wähnen, durch das sie sich entladen können. Die unterdrückten Emotionen, die sich über Jahre hinweg in Souma angesammelt haben, richten sich fortan auf den einzigen Menschen, der im familiären Machtgefüge als einziger ganz klar dem Stammhalter der Saikis unterstellt ist: Masataka.

So schrecklich die von Souma ausgeübten Vergewaltigungen auch sein mögen, die sich bis in den dritten Band hineinziehen; sie sind zeichnerisch dennoch von einer grotesken Schönheit und Sinnlichkeit und offenbaren auf Soumas Seite ein zerstörerisches Begehren nach Liebe und Vergebung. Zärtliche Berührungen und Gesten werden in ausgiebigen Detailszenen eingefangen und stehen vielleicht gerade aus diesem Grund in einem extremen visuellen Kontrast zum Kontext der Handlung. Doch gerade diese Begierde, die Souma treibt, wird in Masataka durch dessen Leid negiert, das im scharfen Gegensatz zu der krankhaften Liebe steht, die Souma nach und nach für seinen Famulus entwickelt. Denn tatsächlich, und das ist für mich das wirklich herausragende Merkmal von Sakura-Gari, schafft Yuu Watase es, die Beziehung zwischen Souma und Masataka mit jedem Band weiter aus dem rein sexualpsychologischen Bereich herauszuheben und in einen beinahe humanistischen oder philosophischen Zusammenhang zu setzen. Und dies, ohne euch das Ende der Reihe zu verraten, ist für alle Leser sicherlich der einzige und winzige Hoffnungsschimmer an diesem düsteren Horizont aus Schmerz, Leid und Qual: Sakura-Gari erzählt in allerletzter Konsequenz nicht nur ein Gewaltdrama, sondern auch eine Liebesgeschichte, die sich um Menschlichkeit, Vergebung und den Wunsch nach Leben dreht.

Figuren / Handlung

Das psychologische Gesamtkonzept, das der Handlung von Sakura-Gari als Grundlage dient, ist es, was den Manga zu etwas Besonderem macht und streng genommen dagegen spricht, die Reihe überhaupt als BL-Werk zu kategorisieren, denn in eigentlich allen wesentlichen Aspekten (abgesehen davon, dass beide Protagonisten Männer sind), die in den vorangegangenen Abschnitten zum Teil schon angeklungen sind, wiedersetzen sich die Bände einer solchen Einordnung. In Sakura-Gari geht es nicht um die Darstellung einer erotisierten homosexuellen Liebesbeziehung mit klaren (Geschlechter)Rollenverteilungen in einem beliebigen Setting, sondern um eine psychologisch fundierte und mit fiktionalen Elementen ausgestattete Diagnose der Taishō-Zeit sowie die Analyse von spezifischen gesellschaftlichen Strukturen und deren Rückwirkung auf das einzelne Individuum. In diesen Zusammenhang werden Souma und Masataka eingebunden, die beide zu Opfern eben jener Strukturen werden, die eine Figur direkt, die andere indirekt, aber beide auf ähnliche Art und Weise. Auch die Beziehung von Souma und Masataka zueinander ist gegen Ende der Reihe eher eine pathologische, in der sich eine Art Seelenverwandtschaft ausdrückt, die aus allergrößtem Schmerz geboren wurde. Spätestens an dieser Stelle stellt Sakura-Gari das Konzept eines jeden konventionellen BL-Manga vollkommen auf den Kopf, denn während in diesen Werken eine Vergewaltigung fast immer positiv konnotiert ist und die Beziehung auf dem Fundament echter Liebe und positiver Gefühle basiert, erwächst Soumas und Masatakas spätere Liebe (ich nenne das starke Gefühl der Zugneigung, das die beiden füreinander hegen, jetzt einfach einmal so) aus Hass und Einsamkeit. Die beiden Figuren verbünden sich in einer Allianz größter Not miteinander, die nicht durch ein Gefühl zusammen gehalten wird, sondern einen psychischen Zustand der Seele. Vielleicht lieben die beiden gar nicht den jeweils anderen Menschen, sondern das Gefühl des Trostes, das sie erfahren, wenn sie ihre seelischen Wunden durch die Nähe und das Verstehen des Gegenübers zu heilen versuchen. Auf der einen Seite ist diese Liebe also wesentlich oberflächlicher als in klassischen BL-Werken, auf der anderen Seite jedoch auch um ein vielfaches tiefer und komplexer.

An diesen Umstand anknüpfend, war ich an vielen Stellen von der Bildgewaltigkeit und Symbolkraft beeindruckt, mit der Yuu Watase in Sakura-Gari arbeitet. Natürlich fällt hierbei sofort das Motiv des Kirschbaums ins Auge, das sich, wie in der klassischen Literatur, novellenartig durch die gesamte Reihe zieht. Die Bedeutung der Kirschblüte wird im Manga allerdings entgegengesetzt der geläufigen Interpretation verwendet. In Japan steht die Kirschblüte für Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit. In Sakura-Gari wird sie hingegen zum Symbol für Verderbtheit, Geheimnis, Schmerz und Tod. Ihre Schönheit wird ins Gegenteil verkehrt und untrennbar mit den Geschicken der Familie Saiki verknüpft. Daher kann der Kirschbaum im Garten der Saikis zum einen als Abbild von Soumas Seele verstanden werden, zum anderen jedoch auch als Bote des Leids, das Masataka bevorsteht. Wenn der Baum als Sinnbild für die dunkle Familiengeschichte der Saikis und die damit verbundenen Sünden und Verbrechen betrachtet wird, so deutet das Blütenblatt, das Souma am Tag von Masatakas Ankunft von seiner Schulter wischt, bereits deutlich an, dass dieser von nun an unausweichlich in die mysteriösen Ereignisse verstrickt werden wird, die sich auf dem Familiensitz zutragen. Tief berührt hat mich hingegen die zweite Auslegung, die in Hinblick auf den Kirschbaum möglich ist. In der asiatischen Kultur werden Bäume oft zum Symbol für den Seelenort eines Menschen, das heißt, sie wachsen an der tiefsten und verborgensten Stelle der Seele und blühen oder welken mit deren jeweiligem Zustand. Wenn ihr den chinesischen Anime Spirit Pact kennt, habt ihr vielleicht ein konkreteres Bild vor Augen, denn auch You Keika (oder Yang Jinghua im chinesischen Original) besucht mehrmals den Seelenort von Tanmoku Ki (im Original Duanmu Xi).

Hier seht ihr den Baum aus Spirit Pact, der an Tanmoku Kis Seelenort wächst. Ist seine Seele in Gefahr, verschwindet oder welkt der Baum und ein Sturm peitscht das Meer zu hohen Wellen auf.

Für Souma könnte der Kirschbaum im Garten genau dieser Seelenort sein, denn beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten erblickt Masataka keinen erwachsenen Mann unter dem Kirschbaum, sondern einen kleinen weinenden Jungen. Dies ist ebenfalls ein Hinweis auf solche Seelenorte, denn dem Glauben nach erscheinen die Menschen dort in ihrer reinsten (und daher meist kindlichen) Form. Im weiteren Verlauf der Reihe erfährt der Leser, dass Souma mehrmals versucht hat, dem Kirschbaum Schaden zuzufügen, indem er mit einem Messer Schnitte in die Rinde geschlagen hat, immer in der Hoffnung, der Baum möge verfaulen. In dieser Handlung drücken sich der gesamte Schmerz und Hass sowie die Wut aus, die Souma zum einen gegen die Familie Saiki (den Kirschbaum) richtet, zum anderen jedoch auch gegen sich selbst, denn die Figur bekundet mehrmals den Wunsch nach dem Tod und verabscheut sich für ihre Taten. Die Schnitte, die Souma dem Baum zufügt und seine Aussage, dass er das Rosa der Kirschblüten hasse, deuten daraufhin, dass der Kirschbaum damit nicht nur die Familie Saiki symbolisiert, sondern auch Soumas eigene Seele, auf der die Misshandlungen ebenfalls tiefe Narben hinterlassen haben.

Obwohl das Verhältnis zwischen Souma und Masataka so entsetzliche Ausmaße annimmt, hat es mich auf einer anderen Ebene jedoch auch tief berührt, denn Sakura-Gari berührt thematisch ebenso grundlegende Konzepte von Menschlichkeit. Eigentlich beginnt die Beziehung zwischen Souma und Masataka wie eine klassische und etwas kitschige Romanze. Die Ohnmachtsszene unter dem Kirschbaum, in der die beiden Figuren gemeinsam in einem Bett aus Kirschblüten versinken, Masatakas ganz offensichtliche Faszination für den schönen und geheimnisvollen jungen Mann, das Attentat auf Souma, das Masataka verhindert und Soumas Geständnis, dass er Masataka wirklich gern habe – all diese Dinge deuten zunächst nicht unbedingt darauf hin, dass die beiden Figuren sich in einen Strudel aus Gewalt und Missbrauch verstricken werden. Die Situation ändert sich grundlegend, als Masataka den vermeintlichen Beweis dafür findet, dass Souma sich scheinbar bereits seit seiner Kindheit prostituiert hat. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu den Wertvorstellungen, mit denen Masataka aufgewachsen ist und nach denen er lebt. Während eines vorgeschalteten Gesprächs mit Souma erklärt der junge Famulus diesem zum Beispiel, dass er körperliche Liebe und sexuelle Lust für unsittlich halte und in seinem Leben einzig danach strebe, ein besserer Mensch zu werden. Und Souma, der sich plötzlich den entsetzten Blicken des einzigen Menschen ausgesetzt sieht, zu dem er so etwas wie vage freundschaftliche Nähe aufbauen konnte, unternimmt keinen Versuch, Masatakas Annahme zu widersprechen, denn dies würde bedingen, dass Souma ihm die Wahrheit über seine Familie offenbaren müsste. Statt sich Masataka zu öffnen, bestätigt er dessen Verdacht und vergewaltigt ihn. Diese Tat, in der sich Soumas gesamter Hass Bahn bricht und die gleichzeitig dem Selbstschutz dient, setzt in Sakura-Gari einen dynamischen Prozess in Gang, der vor allem Masataka dazu zwingt, sein bisheriges Leben und sein konstruiertes Selbstbild mehr und mehr zu hinterfragen. Die Vergewaltigungen durchbrechen die Mauern, die Masataka um sein Unterbewusstsein errichtet hat, mit roher Gewalt und versetzen ihn in einen schwer traumatisierten Zustand, in dessen Rahmen sein gesamtes bisheriges Lebenskonzept und Menschenbild einstürzt. Nach einem Selbstmordversuch sieht Masataka seine einzige Chance, die Vergewaltigungen irgendwie ertragbar zu gestalten, darin, Soumas Gründe auf einer rationalen Ebene nachzuvollziehen, um den Akt willkürlicher Gewalt in einen sinnstiftenden Zusammenhang einzubinden. Vielleicht hegt er zu diesem Zeitpunkt bereits unbewusst die Hoffnung, dass er eine Erklärung für Soumas Verhalten finden wird. Je mehr Masataka über die wahren Hintergründe und Soumas Kindheit erfährt, desto mehr erkennt er allerdings auch seine eigene Einsamkeit und Wut in Souma wieder und schaffte es nach einem sehr berührenden Gespräch mit seinem alten Lehrer, die Vergewaltigungen als Ausdruck von Soumas eigenen Seelenqualen zu begreifen.

Während Souma, um seine Position als Stammhalter der Familie Saiki in Japan antreten zu können, als Kind seine leibliche Mutter Abigail in England zurück lassen musste und seinen Vater für deren Tod verantwortlich macht und hasst, ist Masataka von seiner leiblichen Mutter an eine Pflegefamilie verkauft worden, in der er zwar eine gute Behandlung und eine hervorragende Ausbildung erfuhr, die ihm jedoch stets den kränklichen leiblichen Sohn vorzog. Den Neid und Hass auf seinen kleinen Stiefbruder kann Masataka sich zunächst nicht bewusst eingestehen. Insgeheim hasst er sich jedoch für die negativen und zerstörerischen Gefühle, die er gegenüber dem eigenen Bruder hegt. Sie passen nicht zu der Rolle des fröhlichen, gutherzigen und gelehrsamen Sohnes, in die die gesellschaftlichen Werte und Normen Masataka drängen und die dieser seinem sozialen Umfeld gleichfalls vermitteln möchte. Um diesem für ihn schizophrenen Zustand zu entkommen, entschließt Masataka sich dazu, eine Universität in Tokyo zu besuchen, was ihn bekanntlich in das Haus der Familie Saiki führt. Ich muss an dieser Stelle einmal anmerken, dass sich im dritten Band der Reihe die Ereignisse förmlich überschlagen und ich teilweise beinahe atemlos den vielen Wendungen und unerwarteten Offenlegungen gefolgt bin. Aus diesem Grund kann ich an dieser Stelle nicht weiter in die Tiefe gehen, denn sonst laufe ich Gefahr, euch in Bezug auf die wesentlichen Handlungselemente zu spoilern. Völlig frei von Inhalt kann ich meine Beiträge nicht halten, denn sonst gäbe es nicht mehr viel, über das ich schreiben könnte, aber natürlich will ich euch nicht den Spaß am Lesen verderben, indem ich alle Wendepunkte verrate.

Letztendlich bleibt mir zu sagen übrig, dass Souma und Masataka auf einer sehr tiefen psychologischen Ebene durch den seelischen Schmerz verbunden sind, den ihnen der Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und dem eigenen Selbstbild zufügt. Die beiden jungen Männer sind vor allem eines: Schrecklich einsam und voller Hass auf ein System, das ihnen alleine aufgrund ihres sozialen Status menschliche Liebe und Zuneigung verwehrt. Besonders Masataka wächst im Rahmen des langen und schmerzhaften Prozesses der Selbstreflexion jedoch über sich hinaus und erreicht, wenngleich auch nicht auf einer gesellschaftlich akzeptierten Ebene, genau das, wonach er anfänglich strebte: eine neue humanitäre Qualität. Er wird ein ‚besserer‘ – ein gütigerer – Mensch, indem er Souma vergibt. Dieser selbstlose Akt der Vergebung ruht auf der Erkenntnis, dass Masataka keinen Menschen verurteilen kann, der nicht aus Boshaftigkeit handelt, sondern dessen Taten einen zwar hasserfüllten, aber dennoch verzweifelten Hilfeschrei nach Akzeptanz und Liebe ausdrücken. Die Narben, die im Verlauf dieses Prozesses auf den Körpern der beiden Protagonisten sichtbar werden, stellen gleichzeitig eine symbolische Visualisierung der Wunden dar, die ihre Seelen erlitten haben. Die Szene, in der Souma und Masataka ihre köperlichen Narben als Zeichen der Seelenverwandtschaft begreifen, hat mich beinahe tiefer erschüttert als die Vergewaltigungen, denn sie hat mich unendlich traurig gemacht und gezeigt, was mit Kinderseelen geschieht, deren Leben von Ablehnung und Gewalt geprägt ist. Wie der verletzte Kirschbaum werden die Körper zwar weiter blühen und wachsen, aber die seelischen Verletzungen werden niemals vollständig verheilen.

Fazit

Sakura-Gari von Yuu Watase zeigt deutlich, dass (BL-)Manga nicht nur seichte Unterhaltung bieten, sondern in ihrer Komplexität und psychologischen Tiefe auch ein anspruchsvolles erwachsenes Publikum ansprechen können. Die Mangaka kombiniert in ihrem bereits etwas älteren dreibändigen Werk, das die Grenzen des Genres BL in vielen Aspekten sprengt, ein erstaunlich modernes und dynamisches Artwork mit einer düsteren und, in Hinblick auf die Intensität und Explizitheit der Missbrauchsszenen, erschütternden Geschichte, die die gesellschaftlichen Strukturen und familiären Hierarchien der Taishō-Zeit sehr kritisch beleuchtet. Die atmosphärische Dichte und die Symbolkraft einzelner Motive sowie die vielen unerwarteten Wendungen verleihen der Erzählung eine mitreißende Sogkraft und Spannung, die gekonnt durch einige Mystery-Elemente unterstützt wird. Obwohl die Instrumentalisierung von Kindern als machtpolitische Werkzeug im Vordergrund steht, beschäftigt sich die Reihe darüber hinaus mit humanphilosophischen Ansätzen, wie zum Beispiel der Frage danach, was das Menschsein und einen „guten Menschen“ eigentlich ausmacht. In dieser Hinsicht ist Sakura-Gari der erste mir untergekommene Manga, der Zitate und Konzepte aus philosophischen und poetischen Quellen einbindet. Allerdings braucht der Leser starke Nerven, denn die Gewaltszenen werden beinahe bis zum Ende der Reihe durchgehalten. Erst im letzten Drittel zeichnet sich ab, dass die von Missbrauch geprägte Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren in einem tiefen und umfassenden Verständnis des seelischen Zustands des jeweils Anderen mündet und eine Verbindung schafft, die vielleicht als eine pathologische Form von Liebe interpretiert werden kann. Trotz der vielen belastenden Szenen bestechen gerade die Vergewaltigungen zeichnerisch durch eine groteske Schönheit, die gleichfalls die Widersprüchlichkeit dieser Beziehung ausdrückt. Ich kann Sakura-Gari auf jeden Fall den weniger zart besaiteten und sensiblen Lesern unter euch empfehlen, die an historischen Settings interessiert sind, nicht vor anspruchsvollen soziologischen, psychologischen und philosophischen Thematiken in Manga zurückschrecken und sich einmal mit einem Werk beschäftigen möchten, das sich zwar inhaltlich bereits recht weit von einem klassischen BL-Manga entfernt, es bei aller Grausamkeit aber dennoch schafft, den Rezipienten emotional zu involvieren und – im Gegensatz zur breiten Masse der BL-Reihen – einen sehr kritischen Blickwinkel auf die gesellschaftlichen Verhältnisse im Japan des frühen 20. Jahrhunderts anregt.

Und damit habe ich, obwohl ich am Anfang noch das vollkommene Gegenteil behauptet habe, wohl meinen bisher längsten Beitrag (mit dem bisher längsten Fazit) abgeschlossen. Ähm… Nun ja, ich hoffe, ihr hattet trotzdem Freude am Lesen und seid jetzt, da ihr das Ende erreicht habt, geistig nicht völlig ausgelaugt. Ich kann euch aber beruhigen und will auch hier noch einmal darauf hinweisen, dass im Juli endlich wieder ein weniger deprimierender Beitrag kommen wird, denn vielleicht habt ihr nach den letzten Monaten ein wenig das Gefühl bekommen, dass BL-Manga lesen meistens die Erduldung großer seelischer Schmerzen bedeutet. Daher sei euch an dieser Stelle versichert: Dem ist nicht so!

Nun wünsche ich euch einen hoffentlich heiteren und sonnigen Juli und – je nachdem – einen entspannten Sommerurlaub oder tolle Sommerferien.

Jaa mata ne, eure Amaya!


6 Kommentare

Juliet · 1. Juli 2019 um 15:14

Sehr schöne und interessante Review! 🙂

    Amaya · 5. Juli 2019 um 9:38

    Hallo Juliet,

    vielen Dank für das Kompliment – die Review zu dieser wirklich tollen Reihe hat mich eine weitere Nachtschicht gekostet 😉.

    Liebe Grüße
    Amaya

Martina · 7. Juli 2019 um 15:34

Dann schreib ich doch jetzt auch mal einen Kommentar, da ich deine Seite schon einige Male als Empfehlung für meine Manga Käufe genutzt habe 🙂 Diese 3er Reihe hab ich nun auch gekauft, bin sehr gespannt, was da auf mich zukommt. Ich mag deine Blogartikel sehr gerne, zumal man auch merkt das sie nicht aus der Feder einer 13 jährigen stammen und ich so nützliche Empfehlungen erhalte zu Mangas, die mich inhaltlich etwas mehr fordern ;). Freu mich schon auf mehr. LG

    Amaya · 7. Juli 2019 um 16:42

    Hallo Martina,

    das sind immer Kommentare, die mein Herz erwärmen. Wow, vielen Dank! Ich freue mich wirklich, wenn die ganze Arbeit, die ich hier reinstecke, tatsächlich jemandem hilft.

    Liebe Grüße
    Amaya

      Martina · 15. Juli 2019 um 8:50

      Nochmal eine kurze Zückmeldung. Habe Sakura-Gari jetzt gelesen und es ist direkt in meine absoluten Favoriten gewandert. Absolut geniale Charakterstudie mit einem für mich einzig möglichen Ende, im Gegensatz zu Banana Fish, bei dem ich glaube ich nie verstehen werde, warum Akimi Yoshida es so geschrieben hat.
      LG Martina

        Amaya · 21. Juli 2019 um 22:54

        Hallo Martina,

        das freut mich sehr, dass dir „Sakura-Gari“ auch so gut gefallen hat wie mir. Ich wünschte, Yuu Watase hätte mehr BL-Werke gezeichnet, solche Juwelen sind auf dem deutschen Markt rar gesät.

        Zum tragischen Ende von „Banana Fish“ gibt es hier auch eine Review mit einem Interpretationsansatz von mir, der das Ende anschneidet – vielleicht interessiert dich ja deshalb der Beitrag „Mehr als nur Freunde: Shônen Ai in BANANA FISH & Co.“

        Liebe Grüße
        Amaya

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