Dieser Beitrag ist primär für alle unverdorbenen Frischlinge gedacht, die neu in die Manga- bzw. Boys‘ Love-Szene hineingestolpert sind und beim Stöbern in einschlägigen Internetforen drei große Fragezeichen über ihren Köpfen schweben haben, wenn sie Begriffe wie Shōnen AiUke oder Etchi lesen. Wobei im besten Fall vielleicht auch die Alteingesessenen unter euch noch das Eine oder Andere dazulernen können.

Und los gehts – mit der Genre-Definition. Wie in der ’normalen‘ Literatur unterscheidet man auch im Manga-Bereich verschiedene Genres. Die meisten Verlagshäuser und Buchhandlungen differenzieren die Kategorien Romance, Action, Fantasy, Mystery, Drama, Boys‘ Love und Comedy. Daneben gibt es noch weitere Genres, wie zum Beispiel Shōnen Ai, Sci-Fi, Erotic, Hentai, Magical Girl, Girls‘ Love usw. Thematisch unterscheiden sich diese Genres nicht wesentlich von den regulären Buch- oder Filmkategorien. Kategorien wie Shōnen AiBoys‘ Love, Magical Girl oder Hentai gibt es jedoch nur im Manga-Bereich, deswegen werde ich sie an dieser Stelle etwas näher erläutern. Unter das Genre Magical Girl fallen Reihen wie Sailor Moon oder Card Captor Sakura. Wie man bereits anhand des Begriffs vermuten kann, geht es hier häufig um junge Mädchen, die unter mysteriösen Umständen magische Kräfte erhalten und sich danach in Heldinnen verwandeln können, die böse Mächte bekämpfen und/oder eine bestimmte Aufgabe erfüllen, um zum Beispiel das Fortbestehen der Welt zu sichern. In Manga aus dem Bereich Boys‘ Love oder Girls‘ Love stehen homosexuelle Beziehungen im Fokus (da es in diesem Blog hauptsächlich um Boys‘ Love-Manga geht, werde ich in meinem Beitrag hauptsächlich auf dieses Genre eingehen). Zu nennen wären hier zum Beispiel Finder oder Junjou RomanticaHentai-Manga weisen im Wesentlichen pornographische Inhalte auf, sie sind mehr oder weniger das heterosexuelle Pendant.

Neben den Genres existiert im Manga-Bereich noch eine weitere Klassifizierungsmethode, um die Hefte inhaltlich zu beschreiben, nämlich die der Definition des Zielpublikums bzw. der ursprünglich angedachten Adressaten. Hier wird zwischen Kodomo– (für kleine Kinder), Shōnen (für männliche Jugendliche), Shōjo– (für weibliche Jugendliche), Seinen– (für (junge) Männer) und Josei-Manga (für (junge) Frauen) unterschieden. Die Leserschaft dieser Manga ist aber häufig sehr viel vielfältiger (ich bin zum Beispiel 28 Jahre alt und weiblich und lese trotzdem sehr gerne Shōnen-Manga) und die Einteilung dient daher primär dem Zweck, die Hefte inhaltlich zu beschreiben. Shōnen-Manga sind meist sehr actionlastig, während in Shōjo-Manga in der Regel sehr viele Romance-Elemente integriert werden. Versierte Manga-Rezipienten sprechen nicht selten zusätzlich von Etchi– oder Mecha-Elementen. Sie beschreiben kein eigenes Genre, sondern können theoretisch in alle Arten von Manga eingebunden werden. Etchi (oder Ecchi) meint erotische Anspielungen oder sexuelle Zweideutigkeiten (zum Beispiel in Elfenlied), wie ein ‚zufällig‘ hochgewehter Rock, der die Unterhose des Mädchens entblößt, wohingegen Mecha auf Kampfroboter referiert, die nicht selten in Manga/Anime des Sci-Fi-Genres im Zentrum stehen (Code Geass oder Neon Genesis Evangelion). Man könnte diese Kategorien daher als Untergenres bezeichnen. Die bis hier angeführten Genres gelten im Übrigen auch für Anime.

Damit ihr nicht vor Spannung sterbt bzw. vor Langeweile umkommt, will ich im Folgenden endlich auf die Spezifika des Boys‘ Love-Genres (abgekürzt BL, japanisch bi eru ausgesprochen) zu sprechen kommen, denn in diesem Bereich gibt es noch einmal ganz eigene Regeln und ‚Fachbegriffe‘, wie ich sie nenne. Also Achtung, ab hier wird es heiß! Boys‘ Love-/Girls‘ Love-Manga bzw. Yaoi-/Yuri-Manga meinen und stellen inhaltlich dasselbe dar, nämlich homosexuelle Beziehungen mit explizit sexuellen Elementen. Die Begriffe Yaoi (schwule Paare) und Yuri (lesbische Paare) werden in Japan jedoch weniger genutzt als im europäischen Raum. In Japan hat sich die Bezeichnung BL etabliert, was unter anderem mit dem Inhalt der Manga zusammenhängt. Yaoi ist ein Akronym für den japanischen Ausdruck yamanashi ochinashi iminashiwas auf Deutsch so viel heißt wie „ohne erzählerischen Höhepunkt, ohne Pointe, ohne Sinn“ (inwiefern das generell auf dieses Genre zutrifft, werde ich in nächster Zeit einmal in einem Extra-Beitrag unter die Lupe nehmen). Hierunter werden in Japan die sogenannten Dōjinshi (Fanfictions) zusammengefasst. Das sind Manga von Fans oder Mangaka, die die Protagonisten aus bekannten Manga und Anime in einen Handlungskontext rücken, der im ursprünglichen Manga/Anime nicht angelegt ist. Häufig ist dieser Kontext ein erotischer bis homosexueller. Es kommt so nicht selten vor, dass plötzlich Eren und Levi aus Attack on Titan oder Hinata und Kageyama aus Haikyū miteinander ins Bett hüpfen und dort richtig zur Sache kommen – ihr wisst schon, was ich meine. Oft beinhalten diese Dōjinshi reine Sexszenen, weswegen in diesem Fall tatsächlich keine Handlung vorliegt. Oder zumindest fast keine, denn irgendwie müssen die beiden Protagonisten ja doch den Weg ins Bett finden… Natürlich gibt es Ausnahmen und selbstverständlich auch richtig tolle Dōjinshi von bekannten oder unbekannten Mangaka, die teilweise beinahe besser sind als der originale Manga. BL-Manga richten sich primär an eine jüngere weibliche Leserschaft und werden in der Regel auch von weiblichen Mangaka gezeichnet, sind also Shōjo-/Josei-Manga. Die Rezipientinnen bezeichnen sich selbst gerne als Fujoshi (Japanisch für „verdorbene Mädchen“). BL-Manga unterscheiden sich von Shōnen Ai-Manga insofern, als dass in ersteren wirklich alles gezeigt wird – und ich meine alles, wenn ich „alles“ schreibe: Das fängt bei wilden Kussszenen an und erstreckt sich über das Fallen der Unterhosen bis hin zu Doppelseiten füllenden Zeichnungen von Penisen, Analverkehr und sämtlichen weiteren feucht-fröhlichen Aktivitäten, die zwischen seidenen Bettlaken und an anderen Orten möglich sind. Shōnen Ai-Manga (Japanisch für „Jungenliebe“) konzentrieren sich im Gegensatz dazu darauf, die Entwicklung der romantischen bzw. geistigen Beziehung zwischen den männlichen Figuren darzustellen und verzichten gänzlich auf sexuelle Elemente. Mehr als ein paar Küssen sind dort nicht drin.

Die Protagonisten in Boys‘ Love-Manga und Anime sind zumeist sogenannte Bishōnen, also extrem attraktive junge Männer, die einem bestimmten Idealbild entsprechen. In den Geschichten lassen sie sich überwiegend in Uke und Seme einteilen, mit einem jeweils typischen Erscheinungsbild. Der Uke wirkt zumeist sehr feminin, ist klein und hat einen zarten Körperbau, ein hübsches Gesicht und einen tendenziell weinerlichen bzw. weicheren Charakter. Nicht selten ist er blond oder hat helleres Haar. Der Seme ist der maskuline Part, groß, muskulös, durchsetzungsstark, mit oft dunklem Haar und beherrschendem Auftreten. Diese Charakteristika setzen sich im Bett fort (aha aha, jetzt wird es interessant!). Der Seme ist der dominierende Partner, der den Uke ’nimmt‘, in einigen Manga auch gegen dessen Willen. Um es ganz deutlich zu machen: Er ist derjenige, der in der Beziehung / beim Sex die Hosen anhat und beim Geschlechtsverkehr in den Partner eindringt. In der Pornographie spricht man auch von Top und Bottom, d.h. „Spitze“ und „Grund“. Muss man nicht weiter erläutern, oder? Diese Rollenverteilung kann so weit gehen, dass der Uke masochistische und der Seme sadistische Züge aufweist (ein klassisches Beispiel ist zum Beispiel Okane ga Nai / No Money). In vielen Manga ist die Grenze zwischen Uke und Seme allerdings (zum Glück) nicht so klar abgesteckt, weswegen man diese Kategorisierung nicht verallgemeinern kann. Aber es geht in diesem Beitrag ja vor allem um die Begriffsklärung, weshalb diese beiden Ausdrücke quasi zum Pflichtprogramm gehören.

Noch kurz zum Abschluss dieses doch recht lang gewordenen Beitrags (ich hoffe, ihr verzeiht mir *schwitz*): Im BL-Fandom (den Fangruppen) werden gerne auch die Begriffe Bae und OTP benutzt. Bae ist die Abkürzung für das englische „before anyone else“. Damit wird die Figur bezeichnet, die dem Protagonisten mehr als jede andere bedeutet – der Herzensmensch, der Seelenverwandte. OTP ist ebenfalls Englisch und heißt „one true pairing“, also das einzig wahre Paar. Wenn man die Übersetzung kennt, kann man sich auch diesen Begriff leicht erschließen. Er meint, dass zwei Figuren augenscheinlich füreinander bestimmt sind und es (vom subjektiven Standpunkt des Fans aus) keine alternative Verpaarungen geben kann (wobei hier die Meinung von Mangaka und Fan durchaus auseinander gehen kann), da die beiden Protagonisten ideal zusammenpassen.

Ich hoffe, ihr fandet den Beitrag informativ und seid von seinem Inhalt nicht völlig traumatisiert. Ich bin auf jeden Fall froh und etwas stolz, denn dies war mein erster Blog-Eintrag und ich finde, er ist mir ganz gut gelungen. In den nächsten Wochen werdet ihr abwechselnd mal eine Manga-Rezension, mal einen allgemeineren Text zu lesen bekommen.

Jaa mata ne, eure Amaya!

Kategorien: Allgemein

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