Eigentlich hatte ich für diesen Monat einen anderen Beitrag geplant, aber ich muss zugeben, dass ich mich zum ersten Mal mit einem Manga übernommen habe oder besser – falsche Vorstellungen davon hatte, wie viel Zeit eine Rezension zu besagtem Werk in Anspruch nehmen würde. Das Ding ist dick! Da die Reihe außerdem aus mehreren Bänden besteht, werde ich meinen geplanten Text wohl erst im Laufe des Junis fertig stellen können. Um die Spannung an dieser Stelle zu erhalten, verrate ich euch aber nicht, woran ich gerade arbeite. Gemein, ich weiß. Damit ihr diesen Monat nicht vollkommen leer ausgeht, habe ich mich – quasi als Lückenfüller – eines Themas angenommen, das wahrscheinlich mal wieder mehr über mich verrät, als mir lieb ist, aber das ist in Ordnung, denn ein wenig kennen wir uns hier ja schon und überhaupt: Wer über Boys‘ Love-Manga schreibt (ich) oder darüber liest (ihr), der darf sicherlich ohne schlechtes Gewissen ab und an etwas aus dem weitaus weniger pikanten Nähkästchen plaudern. Heute geht es also um die persönliche Frage, warum ich gerade BL-Manga so sehr liebe und, noch viel wichtiger, was mir an dem Genre so gut gefällt. Eventuell findet ihr euch ja selbst in einigen Punkten wieder oder habt ganz andere Gründe, über deren Ergänzung ich mich in den Kommentaren sehr freuen würde. Also, legen wir los!

Ich finde, mit BL-Manga ist es ein wenig wie mit Donald Trump. Irgendwie sind sie allgegenwärtig und gehören ganz selbstverständlich zum heutigen Manga-Markt dazu. Allerdings verhält es sich mit ihnen auch im realen Leben wie mit der gegenwärtig im Weißen Haus residierenden Kuriosität mit dem seltsam blonden Seitenscheitel: Sie sind ein heikles Thema und eine optisch hin und wieder irgendwie exzentrische Erscheinung. Wohl so etwas wie eine Mischung aus Thomas Gottschalks Anzügen bei „Wetten, dass…“ und Bill Kaulitz Frisur. Also tendenziell befremdlich und nichts, was den deutschen Durchschnittsbürger ansprechen würde. Eine normale Unterhaltung über diese Art von Comics mit ‚normalen‘ Leuten beziehungsweise der breiten Masse ist daher quasi nicht möglich (nicht, dass ich es jemals versucht hätte, ich bin ja nicht lebensmüde). Man trifft nämlich entweder auf eine sehr große Mehrheit, die, wenn man zugibt, dass man auf BL-Manga steht, entsetzt und verständnislos zurückweicht, oder eine rare gleichgesinnte Minderheit, die sich jedoch ängstlich in dunklen Ecken rumtreibt und versucht, ihre Vorliebe möglichst effektiv vor eben jener Mehrheit zu verbergen. Wer BL-Manga liebt, ist im übertragenen Sinne ein politischer Extremist. Und glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass selbst vermeintlich gleichgesinnte Manga-Liebhaber, die aber andere Genres bevorzugen, zuweilen… nun ja, befremdlich auf diese Manga-Vorliebe reagieren, wenn man ihnen gegenüber mutig ein Outing wagt.

Ich kann euch in diesem Zusammenhang übrigens ein sehr amüsantes Video auf Youtube empfehlen, das ich euch hier verlinkt habe. Wenn ich nicht so schüchtern wäre, würde ich auf die Straße stürmen und so etwas in Eigeninitiative durchführen, aber so viel Extrovertiertheit hätte meine Ich-muss-sozial-interagieren-Reserven der nächsten zehn Jahre aufgebraucht, daher überlasse ich diese Arbeit lieber anderen Menschen mit weniger ausgeprägten sozialen Hemmungen. Für diejenigen unter euch, die zu faul dazu sind oder schlicht keine Lust haben, einen Link anzuklicken, der sie auf eine Videoplattform führen wird, die, ist man einmal dort, problemlos die nächsten Stunden Freizeit verschlucken kann, hier eine kurze Schilderung der Situation im Video: Eine Frau läuft durch die Gegend und hält willkürlichen Passanten Abbildungen aus BL-Manga / Doujinshis unter die Nase. Die Reaktionen auf die Zeichnungen lassen sich sehr gut mit den Worten von Probandin Nr. 2 zusammenfassen, nämlich: „Ew. Eww. Ewwwww.“ Neben dieser phänomenalen Wortneuschöpfung, die wir dem erstmaligen Anblick eines BL-Manga verdanken und bei der ich mir noch nicht ganz im Klaren darüber bin, welche Gefühle sie eigentlich ausdrücken soll, muss man der Gerechtigkeit halber allerdings zugeben, dass vor allem die männlichen ‚Versuchsobjekte‘ ziemlich entspannt auf die Abbildungen reagieren. Männliche Gelassenheit? Oder haben die beiden schlicht schon Schlimmeres gesehen? Ein Fuchs, wer Böses dabei denkt… Zumindest bildet sich in dem Video jedoch recht deutlich das Problem ab, mit dem BL-Manga zu kämpfen haben: Eben weil sie von der Öffentlichkeit primär über ihren vermeintlichen Hauptbestandteil, die schwulen Sexszenen, wahrgenommen werden und ein Erstkontakt mit dem Genre BL zumeist auch über diese Szenen erfolgt, werden BL-Werke bestenfalls als hübsch gezeichnete Pornografie wahrgenommen und das, meine lieben Mitstreiter, ist so ziemlich das schlimmste Vorurteil, was man gegenüber dieser Art von Manga haben kann, nicht wahr? Ich hoffe, an dieser Stelle nickt ihr alle zustimmend mit dem Kopf! Ich will gar nicht abstreiten, dass es natürlich auch ausreichend Werke gibt, die diese Wahrnehmung bestätigen, aber ich behaupte jetzt einfach einmal mutig, dass diese BL-Manga in der Minderheit sind. Statt einer Top-Ten-Liste der am häufigsten in BL-Manga vorkommenden Stereotype (die ihr im Übrigen bereits in diesem Beitrag findet) folgt daher nun meine persönliche Top-Four der Aspekte, die mir am BL-Genre besonders gut gefallen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass ich meine Vier-Gründe-warum-ich-BL-Manga-liebe-Liste nicht als Rangfolge verstehe, sondern eigentlich eher willkürlich alles wild in meine Schreibmaske getippt habe, was mir gerade spontan in den Sinn kam.

1. Hallo, schöner Mann!

Zunächst einmal, und das kann, auch bei allem Wohlwollen, niemand abstreiten, der regelmäßig BL-Manga liest: Natürlich sind wir alle wegen der Erotik hier. Dazu ein kleiner Ausflug in meine Jugend, die zum Glück noch nicht so lange her ist, wie sich das jetzt vielleicht anhört. Ich erinnere mich noch an Zeiten, die einem Literaturseminar geschuldet waren, das ich damals an der Uni besucht hatte (es ging um die Erotik in mittelalterlichen Romanen, und nein, nicht die Art ‚mittelalterlicher‘ Roman, an die ihr jetzt vielleicht denkt und auf die ich gleich zu sprechen komme, sondern wissenschaftliche Literatur – der Ruf meiner Uni muss schließlich gewahrt bleiben): Ich stand regelmäßig vor einem Regal in der Buchhandlung, dem, in dem sich die erotische Literatur jener Art tummelt, die mit ihrem Cover bereits suggeriert, dass der Leser es hier mit einer Mischung aus Braveheart und 50 Shades of Grey zu tun bekommen wird, und fragte mich ebenso regelmäßig, wer zum Teufel diese Bücher kauft (und mehr noch, liest). Heute sitze ich hier und muss mich plötzlich selber zu der Zielgruppe zählen, die zwar nicht auf geschriebenen heterosexuellen und pseudohistorischen Sex steht, dafür aber auf gemalte Schwulenorgien. Tja, ich würde sagen, damit habe ich die Fragen meines damaligen Ichs nicht nur beantwortet, sondern seine Erwartungen sogar bei weitem übertroffen. Um diesen simplen Aspekt einmal vorneweg zu nehmen: BL-Manga sind ein wenig wie die Abbildungen durchtrainierter Unterwäschemodells in Modekatalogen – hübsch und ziemlich attraktiv anzusehen. Wobei hier der Fokus auf dem Adjektiv hübsch liegt, den die meisten Figuren in BL-Manga würde ich eher als äußerlich anziehend und weniger als gut aussehend im maskulinen Sinne definieren.

Meine exzessive Vorliebe für BL-Manga lässt sich daher vielleicht zunächst einmal daraus erklären, dass ich, wie viele Frauen, eine Schwäche für schöne Männer habe. Gegen die Macht der Biologie (und damit die der Hormone) kommen wir halt nicht an. Tja, und von schönen Männern wimmelt es im BL-Genre bekanntlich nur so. Für jede(n) ist der passende Typ dabei. Wer auf Prad Pitt oder Chris Hemsworth steht, für den gibt es Ryuichi Asami und Kenji Shinohara und wer Matthias Schweighöfer oder Tom Hiddleston mag, der kann sich an Riku Kurose oder Naoto aus It’s the Journey not the Destination halten. Und das Tolle ist ja – man darf sich nicht nur heiße Männer angucken, die regungslos in der Gegend rumstehen oder mit seltsamen Gesichtsausdrücken über den Laufsteg schreiten, sondern auch Zeuge von allerlei heißem Techtelmechtel werden. Das geht weit über die Dinge hinaus, die einem ein Modekatalog oder eine Modenschauen bieten und die man in der Realität zu sehen bekommen (und wollen) würde. Um es kurz zu fassen: BL-Manga bedienen zunächst einmal erotische Fantasien jeder Art, wobei jeder Art hier durchaus wörtlich verstanden werden kann und ich absolutes Verständnis dafür habe, wenn man selbst als eingefleischter BL-Fan die ein oder andere Praktik ablehnt (zum Beispiel das Vergewaltigungsmotiv). Wer hier auf dem Blog schon länger mitliest, der wird wissen, dass ich mich durchaus auch wissenschaftlich, vertieft und kritisch mit dem Genre BL auseinandersetze, aber zuweilen lese ich einen Manga wie jeder Mensch auch einfach als kurzweiliges und sinnlich anregendes Unterhaltungsmedium.

2. Ästhetik bitteschön, dankeschön!

Der zweite Grund, warum ich BL-Manga mag, liegt sicherlich in meiner Persönlichkeit begründet. Ich habe ein Faible für alles, was ästhetisch ist, sich schön ansehen lässt und meinen Sinn für Kunst und Sinnlichkeit weckt und befriedigt. Ich brauche diese Dinge, um ein inneres Bedürfnis zu stillen. Eigentlich ist dies ein Aspekt, den ich gar nicht näher in Worte fassen kann, sondern diesbezüglich nur auszudrücken vermag, was mit mir geschieht, wenn ich Kunst betrachte. Einen BL-Manga zu lesen (beziehungsweise generell Manga), bereitet mir Freude, zumal hier ein wesentlicher Unterschied zu klassischer Kunst existiert. Während konventionelle Kunst, also Gemälde und Zeichnungen, starr ist und der Betrachter die Bilder selbst mit Bedeutung aufladen muss, nehmen Manga einem diese Art der Arbeit in gewisser Weise ab, indem sie uns durch ein von vorneherein vorhandenes Narrativ bei der Betrachtung kognitiv entlasten. Natürlich können wir auch die Zeichnungen in einem Manga mit eigenen Interpretationen belegen, aber prinzipiell ist die grundlegende Bedeutung einer jeden Zeichnung bereits durch die erzählte Geschichte vorgegeben. Diese Art der Darstellung, die ein Mosaik einzelner Zeichnungen in einem Manga zu einem Gesamtkunstwerk zusammenfügt, spricht mich persönlich sehr an. Vielleicht rührt dies daher, dass ich nach wie vor auch in der ‚normalen‘ Literatur zu Hause bin und selbst in rein visuellen Kunstwerken nach Zusammenhängen und Geschichten suche. BL-Manga bieten mit hier so etwas wie eine Art Zwittergattung, die meine Leidenschaft für Geschichten mit meiner Vorliebe für Kunst verbindet.

Manga sind für mich eindeutig kleine Kunstwerke, einmal auf einer technischen und einmal auf einer kompositorischen Ebene. Jeder, der selbst zeichnet, wird wissen, welche hohen künstlerischen Fertigkeiten es erfordert, abstrakte Figuren zu erschaffen und diese dabei gleichzeitig in Zeichnungen einzubetten, die über ein Werk von etwa 100 Seiten hinweg gemeinsam einen sinnstiftenden Zusammenhang schaffen. Davon, in welcher irrsinnigen Geschwindigkeit viele Mangaka außerdem ihre Manga produzieren, wollen wir an dieser Stelle lieber gar nicht sprechen. Eigentlich bildet das Manga-Genre für mich die wahre Königsdisziplin im Geschichtenerzählen, denn zu der Frage des Schriftstellers, ob sein geschriebener Satz Sinn ergibt, sieht sich der oder die Mangaka sich zusätzlich noch mit der Frage konfrontiert, ob der oft komplexe Inhalt der schriftlichen Aussage sich in der Zeichnung widerspiegelt und andersherum. Ihr merkt, ich bewundere besonders auch die Künstler hinter den Werken. Jeder, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben einen Blick in einen guten Manga geworfen hat, hat für mich etwas versäumt. Diese grundlegend anspruchsvolle Funktion der Text-Bild-Kombination finden wir natürlich auch in BL-Manga, in denen jedoch vor allem der ästhetische Faktor im Zentrum steht. Wir nehmen oftmals etwas als besonders schön / ästhetisch war, wenn es stark idealisiert wird und der uns angeborenen oder anerzogenen (hier kann man sich lange drüber streiten) Vorstellung von Schönheit entspricht. Dieses Kriterium erfüllen BL-Manga in besonderer Weise, denn optisch gibt es hier so ziemlich nichts, was nicht optimiert wird. Die Bishōnen, wie man die männlichen Figuren in BL-Manga nennt, sind vor allem visuell stark idealisierte Figuren, die sich… ähm, technisch ebenfalls stark idealisierten Aktivitäten hingeben. Körperlich perfektionierte Männer bei bis zur Vollendung idealisiertem Sex zu betrachten – wenn das nicht die Erwartungen an Ästhetik erfüllt, dann weiß ich auch nicht, was es sonst könnte. Bei mir werden damit zumindest meine kühnsten Träume ziemlich gut getroffen.

3. Welcher Knopf ist hier für den Romantik-Turbo?

Rekapitulieren wir einmal. Wir hatten bis hier den Aspekt der Erotik und den der Ästhetik. Was fehlt noch? Klar, die Romantik! Romantik und Kitsch können schnell überdosiert werden und dann wird alles zu rosa, zu fluffig und verkommt zu einer großen Herz-Konfetti-Schmonzette, aber gerade dies ist gleichzeitig ein weiterer Grund, weshalb ich so gerne BL-Manga lese. Also, nicht wegen der Sache mit der Herz-Konfetti-Party, sondern wegen der Romantik im Allgemeinen. Wir verstehen uns hier, hoffe ich. Denn was viele Manga dieses Genres in Vollendung beherrschen, ist das Spiel mit den Sehnsüchten der Leser. Ich muss an dieser Stelle also zunächst einmal einräumen, dass ich ein hoffnungsloses Romantikopfer bin und wenn die Inhaltsangabe eines BL-Manga Herzschmerz mit Happy End verspricht (bitte in dieser Reihenfolge), dann gibt es bei mir kein Halten mehr. In dieser Hinsicht, da durchschaut mein eigener innerer Psychotherapeut mich ganz gut, träume ich von einer ebenso bedingungslosen Liebe, wie sie in vielen Werken des BL-Genres dargestellt wird. Denn was ganz oft rigoros ignoriert wird, ist die Tatsache, dass BL-Manga neben dem Sex durchaus eine tiefgründige und mitreißende Liebesgeschichte erzählen können (und das nicht selten auch tun). Das Genre wird aufgrund seiner ‚skandalösen‘ Inhalte oft in die Schmuddelecke geschoben und bekommt gar nicht die Chance, seine inhaltlichen Stärken auszuspielen, denn der Sex ist nicht unbedingt das tragende inhaltliche Element eines BL-Manga. Wobei ich mich an diesem Punkt stets über mich selber wundere, denn in eine klassische Hollywood-Romanze bekommen mich keine zehn Pferde (oder Freunde) geschleift, während ich nach romantischen BL-Werken geradezu lechze. Dieses Phänomen konnte mein innerer Psychotherapeut noch nicht erklären, wobei der auch ziemlich viele andere Sachen zu tun hat (zum Beispiel verarbeitet er immer noch BANANA FISH und versucht parallel einen anderen Teil von mir davon zu überzeugen, sich auf die tägliche Arbeit zu konzentrieren, während mindestens zwei Areale meines Gehirns seit Wochen dabei sind, sich darüber zu freuen, dass Maiden Rose endlich fortgesetzt wird), weshalb ich ihm da keinen Vorwurf machen will…

Aber zurück zum Thema. Romantik! Wir träumen doch insgeheim alle von ihr, der großen Liebe! Sie ist so etwas wie die Ursehnsucht eines jeden Menschen (ich entschuldige mich für eventuell unzutreffende Verallgemeinerungen) und das ultimative Ziel bei der Partnersuche. Ob man an sie glaubt oder nicht, ist erst einmal nebensächlich, denn wenn man sie so explizit vor Augen geführt bekommt, wie viele BL-Manga das tun, kann man gar nicht mehr anders, als glücklich zu seufzen, wenn am Ende alles gut wird. Woher rührt diese unfassbare Sehnsucht nach Liebe, von der wir irgendwie alle wenigstens einen kleinen Anteil in uns tragen? Ich will an dieser Stelle einmal den ganzen wissenschaftlichen Kram in die Ecke pfeffern, der Dinge behauptet, wie zum Beispiel: Wir praktizieren Realitätsflucht, und sagen: Der Mensch als soziales Wesen sehnt sich nach Zugehörigkeit und Verbundenheit und wo würden wir diese beiden Gefühle stärker erfahren als bei oder mit einem Menschen, der unsere Interessen und innersten Wünsche, Sehnsüchte und Einstellungen teilt und uns so nimmt, wie wir sind? Wie viel Halt und Mut würden wir aus einer solchen Liebe ziehen und was wäre es für ein Gefühl, plötzlich zu wissen, dass man vielleicht in einem anderen Menschen den Sinn seines Daseins gefunden hat? Diese grundlegenden Fragen, die uns umtreiben, werden in BL-Manga häufig als zentrales Motiv aufgegriffen und befriedigen damit, wenn wir diese Gefühle schon nicht in der Realität selbst erfahren können, zumindest auf dem Papier unsere Sehnsucht nach einer solchen Liebe, denn für die Figuren erfüllt sie sich zumindest in den meisten Fällen.

Das Schöne dabei ist außerdem, dass die Geschichten uns zum Träumen anregen. Wir nehmen die Bilder der Geschichte in uns auf und überführen sie in unsere eigene Vorstellungswelt, wo wir an diese anknüpfen und uns unseren eigenen Gedankenspielen hingeben: Was wäre, wenn…? Diese Art des Träumens halte ich für sehr wichtig, denn sie erfüllt den emotionalen Teil unseres Wesens, der in unserer hektischen und oftmals sehr nüchternen und rationalen Alltagswelt ansonsten nach und nach verkümmern würde. Nicht umsonst spricht man bei Menschen, die sehr verträumt sind und eine Vorliebe für alles haben, was ihre Gefühlswelt anspricht, von einem „reichen Seelenleben“. Sie reagieren auf emotionale Reize sehr sensibel und eine zu hohe Dosis an Realität mag sie zu Weilen erschöpfen. Ich würde mich selbst hin und wieder in der Ecke des ‚emotionalen Sensibelchens‘ verorten und kann daher für mich persönlich sagen, dass viele BL-Manga bei mir eben genau diese Ebene bedienen. Wir können sicher einen beliebigen BL-Manga aus dem Regal in der Buchhandlung ziehen und in 90% der Fälle beim Lesen feststellen, dass das Werk zwei Figuren zusammenführen wird, die von Beginn an füreinander bestimmt sind. Die Liste ist quasi endlos und für ausreichend Beispiele müsst ihr euch nur einmal hier auf dem Blog umsehen.

4. Einmal Sex mit Tiefgang

Dieser Punkt bildet eigentlich den Hauptgrund dafür, warum mir BL-Manga so gut gefallen, da wir uns hier von der visuellen Ebene lösen und die inhaltliche betreten. Denn so absurd, wie es auf den ersten Blick auch für Leser erscheinen mag, die noch nie einen BL-Manga in der Hand gehalten (und vollständig gelesen) haben: Auch diese Art von Manga erzählt zum Teil durchaus komplexe Geschichten, die sich durch eine enge Verflechtung von Text- und Bildebene auszeichnen. Natürlich muss ich zugeben, dass sich der qualitative BL-Markt aktuell noch eher durch einen tendenziell recht kleinen Werkezirkel auszeichnet, aber insgesamt bildet sich hier doch eine durchaus erfreuliche Entwicklung hin zu mehr One Shots und vor allem Reihen ab, die einen Kompromiss zwischen einer interessanten und in die Tiefe gehenden Handlung und ausreichend erotischen Szenen finden. Für mich wäre es auf jeden Fall der falsche Weg, würden die Verlage und Mangaka damit beginnen, die Menge der Sexszenen zu Gunsten von mehr Inhalt einfach nur zu reduzieren. Es gibt durchaus andere Wege, die Erotik sinnvoll in eine Geschichte einzubinden, ohne all zu große Abstriche bei der Quantität derselben machen zu müssen. Letztendlich sind nun einmal die Sexszenen das Merkmal, welches das Genre BL primär markiert. Ein sehr schönes Beispiel für einen solchen Fall stellt gegenwärtig zum Beispiel You Konedas BL-Reihe Saezuru Tori wa Habatakanai dar (ich hoffe schon lange inständig, dass die Bände auch in Deutschland erscheinen werden). In zwei Sätzen zusammengefasst, geht es im Wesentlichen um den ehemaligen Polizisten Doumeki, der sich als rechte Hand des Bosses Yashiro dessen Yakuza-Zirkel anschließt. Der impotente Doumeki beginnt nach und nach, sich in den nymphomanen Yashiro zu verlieben und die beiden Männer werden in einen Strudel aus schmerzhaftem Verlangen und Gewalt gezogen, denn neben den Auseinandersetzungen innerhalb der Kreise der japanischen Mafia kämpft Yashiro mit seiner traumatischen Kindheit, die von sexuellem Missbrauch und Einsamkeit geprägt war. Wir ihr sicher bereits erahnen könnt, steckt in dieser Geschichte sehr viel Action beziehungsweise in ihren Figuren eine unheimliche psychologische Tiefe, weshalb es in der Reihe nicht vordergründig um die Abbbildung möglichst vieler Sexszenen geht, sondern die Figuren und ihre Schicksale im Fokus stehen. Die Mangaka fragt danach, ob uns echte Liebe nicht nur bereichern, sondern vielleicht sogar seelisch verletzen kann, wenn sie von einem Menschen erfahren wird, der psychisch nicht für sie bereit / von ihr überfordert ist.

Wirklich gute BL-Manga beschäftigen sich also vor allem mit grundlegenden Charakterstudien und versuchen die großen Themen wie Liebe, Freundschaft, Tod und Schmerz auf die Ebene konkreter Figuren herunterzubrechen, auf der diese Themen für die Leser greifbar werden. Mangaka wie You Koneda oder Kano Miyamoto wagen das Experiment, erotische Szenen nicht einfach ohne Kontext in die Handlung einzubinden, sondern durch die Art und Weise ihrer Ausgestaltung ebenfalls für die Interpretation des Werkes relevante Aspekte auszudrücken. Dabei rücken in natürlicher Weise Problematiken ins Zentrum, die sich um den Themenkomplex der Sexualität drehen. Man könnte also sagen, dass das Genre BL seinen Inhalt selbst determiniert. Wie eine solche Umsetzung im Einzelnen aussehen kann, zeigt beispielsweise hervorragend die Reihe Ein Fremder am Strand / im Frühlingswind. Shun, eine der beiden Hauptfiguren, fühlt sich aufgrund gesellschaftlicher Konnotationen von der eigenen sexuellen Orientierung abgestoßen. In dem Maße, in dem Shun intimen Kontakt mit seinem Partner zulässt, setzt auch ein Prozess der Selbstannahme und Akzeptanz ein. Die geistige Entwicklung der Figur wird also auf der körperlichen Ebene reflektiert. Einige BL-Manga greifen in diesem Kontext also sehr schön auf, wie viel unsere Sexualität oder besser, die der Figuren, über deren geistigen Zustand aussagt. Diese Methode weißt beinahe schon Züge einer Psychoanalyse auf und wer gerne Werke liest, die eine intensive Auseinandersetzung mit der psychologischen Konstitution der Figuren erfordern, der dürfte an dieser Stelle vielleicht überrascht darüber sein, dass er theoretisch ohne Einschränkung zu vielen BL-Manga greifen könnte. Zumal ich finde, dass gerade durch die sexuelle Komponente ein Motiv Eingang in diese Art von Kunst findet, die gesellschaftliche Tabus bricht und eine andere Perspektive auf psychologische Komponenten eröffnet, die man in vielen anderen Film- und Literaturgenres nicht findet.

Wobei in BL-Werken natürlich eine echte Gradwanderung begangen wird und diese Manga, wenn die Mangaka nicht mit Bedacht vorgehen, sehr schnell zu bloßer Pornografie verkommen können. Gelingt jedoch dieser Balanceakt zwischen ausreichend erotischen Szenen und einer komplexen Handlung, die mit diesen Szenen korrespondiert, ist es, wie ich persönlich finde, ein echter Genuss und durchaus auch intelektuelle Spielerei, sich mit BL-Manga vertieft auseinander zu setzen. Den gerade in den sexuellen Bereich – und das dürfte mittlerweile in sehr vielen meiner Renzensionen anklingen – spielen Bilder davon hinein, wie wir Körper und Geschlecht sozial mit repräsentierender Bedeutung aufladen und in welchen gesellschaftlichen Zusammenhang wir gerade das Thema gleichgeschlechtliche Liebe setzen. Ich will zu diesem Punkt an dieser Stelle gar nicht mehr weiter in die Tiefe gehen, aber falls ihr euch für diese Thematik interessiert, empfehle ich euch zum Beispiel diesen Beitrag von mir. BL-Manga greifen in diesen Bereich durch so viele Aspekte hinein, dass ich hier eine weitere Liste anfügen könnte, aber da Listen in Listen eher semioptimal sind, lassen wir das beiseite. Fest steht jedoch, dass bereits die standardmäßige Unterteilung in Seme und Uke mit Geschlechterrollen korrespondiert und diese nicht mehr nur in rein sexueller Hinsicht mit Geschlechterstereotypen besetzt sind. Diese Kategoriesierungen beim Lesen aufzudecken, finde ich sehr spannend.

Es sind also vier wesentliche Aspekte, die mir persönlich besonders an BL-Manga gefallen: Zunächst natürlich ganz klar die Erotik, aber darüber hinaus auch die ästhetischen / künstlerischen Ansprüche, die Romantik und nicht zuletzt die psychologisch durchdachten Figuren und die durchaus komplex verarbeiteten Thematiken, die ihre Behandlung in den Charakteren der Manga erfahren. Daneben gibt es außerdem noch eine ganze Reihe weiterer Punkte, auf die ich aufgrund der Länge aber nicht noch zusätzlich eingehen möchte, weshalb sie hier jetzt doch kommt, die Liste in der Liste:

  • Der Humor: Einige Manga bestechen trotz ihrer Ernsthaftigkeit durch mitreißende Situationskomik und herrliche Wortgefechte.
  • Die Sprache: Versteht sich der oder die Mangaka nicht nur aufs Zeichnen, sondern auch aufs Schreiben, glänzen einige BL-Manga mit geschliffenen und treffenden Worten, die voller Poesie und Lebensweisheit stecken.
  • Die tiefe Zuneigung der Figuren zueinander: Sind die anfänglichen Hürden erst einmal genommen, entsteht eine bedingungslose Liebe, die selbst dem stärksten Sturm stand hält.
  • Die unterschiedlichen Szenarien: Büro, Schule, Uni, Schlösser, zu Hause, Traumwelten, fiktive Länder, im Restaurant, historische Schauplätze, Gefängnis – es gibt keinen Ort, den BL-Manga als Schauplatz auslassen und damit gestaltet sich das Genre ebenso abwechslungsreich und vielfältig wie seine großen Brüder in Literatur und Film. Ich würde sogar behaupten, dass BL-Manga hier zum Teil sogar noch findiger und kreativer sind. Das Eintauchen in diese Welten macht auf jeden Fall großen Spaß.
  • Das Ausloten von Tabus und Grenzen: Kein anderes Manga-Genre bricht auf diese Art und Weise mit gesellschaftlichen Normvorstellungen und stellt die Toleranz des Lesers zu Weilen auf eine harte Probe. Ich liebe BL-Werke für ihren unverkrampften und manchmal auch kritischen Blickwinkel auf (sexuelle) Themen, die wir im Alltag gerne verkrampft zu umschiffen versuchen.
  • Der sensible und kritische Umgang mit dem Thema Homosexualität: Die gesellschaftliche Perspektive auf homosexuelle Liebesbeziehungen ist ein Aspekt, mit dem sich viele Werke dieses Genres durchaus reflektiert und vor allem sehr empathisch auseinandersetzen. In BL-Manga wird nicht verurteilt, sondern erklärt und wertungsfrei dargestellt, um beim Leser Verständnis und Interesse anzuregen.

Wenn mein Leben mir die Zeit lassen würde, könnte ich diese Liste wahrscheinlich bis ins Unendliche fortsetzen. So beende ich stattdessen an dieser Stelle meinen Liebesbrief an ein Genre, das in den letzten Jahren mein Herz im Sturm erobert hat und wünsche euch einen hoffentlich BL-reichen Juni!

Jaa mata ne, eure Amaya!


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